Wahre Begebenheit, Zeitgeschichte

Rezension: Tabu von Ferdinand von Schirach

In einer kleinen Stadt, in einem kleinen niedlichen Laden war ich so verliebt in die heimelige Atmosphäre und die liebevolle Anrichtung der Bücher, dass ich einfach was kaufen musste. Aber was wenn noch fünf Minuten Öffnungszeit bleibt? Man greift zu dem, von dem man schon gehört hatte, dass es gut sein soll. So kam ich zu Schirachs „Tabu“.

„Tabu“ von Ferdinand von Schirach
Piper Verlag
254 Seiten
17,99 € (Hardcover)

Sebastian von Eschberg hatte keine einfache Kindheit und Jugend: Sein Vater erschießt sich mit dem Jagdgewehr als er noch ein Kind ist und er findet ihn als erster. Die Mutter verkauft anschließend den von ihm geliebten Haussitz der Familie am See. Als er 16 ist heiratet sie einen unsympathischen, leicht perversen Mann und schindet sich selbst beim exzessiven Reiten fast zum Krüppel.

Nach der Klosterschule beginnt Sebastian auf der Flucht vor der Vergangenheit bei einem Fotografen zu arbeiten und eignet sich alles nötige technische Wissen an. Mit 25 macht er sich als Fotograf und später als Künstler selbstständig. Seine Fähigkeit die Welt in anderen Farben zu sehen, geben seinen Bildern einen besonderen Sepia-Ton, der für ihn die „Farben in seinem Kopf zur Ruhe bringt“.

Als er auf Sofia trifft, scheint ein bisschen Normalität möglich zu sein, doch Sebastian verliert sich immer noch in seiner Vergangenheit, der Kunst und der Suche nach der Wahrheit.

Dann wechselt die Geschichte. Es geht nun um den Prozess gegen Sebastian aus der Sicht seines Anwalts Bieglers. Hier beginnt der Teil, weswegen das Buch durch die Presse ging: Ist Folter ein zulässiges Mittel bzw. wie weit darf man gehen im Kampf um Gerechtigkeit und für den Schutz anderer Menschen?

Ich hoffe, ich habe jetzt nicht zu viel verraten. Das liegt aber vor allem daran, dass der Teil des Buches, von der Presse besonders hervorgehoben wurde, der eigentlich nur das letzte Drittel umfasst. Deswegen war ich zunächst ob dieser Erwartungshaltung etwas irritiert von der „langen“ Einleitung. Sie war allerdings nicht lang und schon gar nicht uninteressant: Deswegen wollte ich bei der Inhaltsbeschreibung deutlich machen, dass es um noch viel mehr in diesem Buch geht.

Denn die Frage zu Folter ja oder nein bzw. wie weit man gehen darf, war für mich nicht aufwühlend und meiner Meinung nach hat von Schirach seine Meinung in einer Szene eindeutig klar gemacht und dennoch Raum gelassen für den „Mut“ derjenigen, die sich anders entscheiden.

Viel interessanter fand ich die Vielschichtigkeit der Hauptfigur und die geschickten Verwirrung des Lesers inklusive des für mich zwar nicht überraschenden aber dennoch intelligenten Endes. Bei allem Tiefgang lies sich das Buch dennoch leicht und spannend. In zwei Tagen hatte ich es ausgelesen.

Wer noch ein Last Minute Weihnachtsgeschenk braucht: Hier ist es. Es ist spannend, fantasievoll, regt zum Nachdenken an und ist dennoch irgendwie kurzweilig. Die skurrile Fähigkeit der Hauptfigur die Welt in eigenen Farben wahrzunehmen, hat mich etwas irritiert und die Notwendigkeit habe ich nicht ganz verstanden, es ist eher ein nettes Gimmick. Auch die Geschichte um die Nachbarin lief für mich etwas ins Leere. Aber auch das kann an der Erwartungshaltung gelegen haben.

Insgesamt vergebe ich vier von fünf Leseratten, weil bei aller Brillanz ein paar Staubkörner die Sicht trübten.

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