Außeneinsatz, Im Rattenbau

Selbstversuch: Mit der Linie 4 durch Frankfurt

Das Buch „Mit der Linie 4 um die Welt“ hat mich zu einem Selbstversuch inspiriert, den ich euch als kleinen Vorgeschmack auf das Buch jetzt präsentieren möchte: Ich wollte selber die S-Bahn-Linie 4 in Frankfurt abfahren, um so die Stadt besser oder auch nur anders kennenzulernen.

Wir – mein Reisebegleiter und ich – begannen unsere Reise Sonntag Mittag an der Haltestelle Taunusanlage. Sie befindet sich zu den Füßen der beiden Deutsche Bank Türme und irgendwie überraschte es nicht, dass dort unter diesem Monument des Kapitalismus zwei Obdachlose friedlich auf dem Boden schliefen.

Wir entschieden uns für ein Tagesticket bis zur weiter entfernten Endhaltestelle Kronberg: Für stolze oder auch noch machbare 8,60 € zu haben.

Während wir dank des sonntäglichen Fahrplans noch etwas auf die Bahn warten mussten (ja wir sind ohne vorherigen Abfahrtcheck einfach losgelaufen – ein bisschen Spontanität muss doch auch mal sein), hatten wir unser zweites Frankfurt typisches Erlebnis: Ich fragte meinen Begleiter, ob er ein neues Parfum benutzen würde, da mir eine kleine Duftwolke in die Nase stieg. Belustigt stellten wir beide fest, dass sie zu einem Typen fünf Meter hinter uns gehörte, der eine Louis Vuitton Männerhandtasche dabei hatte und akkurat zurückgegelte Haarpracht. Wie passend, dass seine Parfumwolke für alle weiteren Männer im Umkreis reichte.

Die S-Bahn führte uns vorbei an Werbungen an Häuserwänden aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sowie die Großbaustelle Europaviertel. Endlich mal normaler Wohnkomfort aber leider zu unnormalen Preisen. Es folgten Industrie, Schrebergärten, Wald und kleine Einfamilienhäuser. Neben uns diskutierte ein Paar über das Rausziehen aus Frankfurt und dass man leider doch wieder schnell in gleich teuren Wohngebieten landen kann. Alles wichtige Wahrheiten über Frankfurt, alles Zeichen für den Wunsch nach etwas Grün und Eigenheim mit der traurigen Gewissheit, dass alles nicht so einfach zu erreichen ist.

Beim Kreuzen der Autobahn fiel mir wieder ein, wie wir beinahe mal mit dem Fahrrad auf eine aufgefahren wären. Sie ist in Frankfurt so allgegenwärtig, dass einem das beim falschen Abbiegen mitten in einem Wohngebiet schon mal passieren kann. Wahre Geschichte.

Zwischen einem weiteren großen Industriegelände in Niederhöchst und weiteren Doppelhaushälften und Obstwiesen ein witziger Gruß auf einer Häuserwand: You met me at a very strange time in my life. Ich glaube, das ist der Abschlusssatz für mich, was Filme angeht.

Die Endhaltestelle Kronberg entpuppte sich als süßer Glücksgriff.

Nach eineinhalb Stunden Spaziergang durch diese stille Idylle ging es wieder Richtung Innenstadt. Unglaublich schnell näherten sich die eben noch kleinen Hochhäuser, nach nur 20 Minuten bzw. zehn Haltestellen waren wir wieder mitten in dieser wichtigen Metropole, die für mich doch immer so winzig bleiben wird.

Mein Tipp: Probiert es aus – es lässt einen die eigene Stadt mit neuem Blick erkunden.

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