Außeneinsatz, Im Rattenbau

Leipziger Buchmesse 2014: Tag 1

Die Leipziger Buchmesse begann für mich wesentlich aufregender als sonst, denn zum ersten Mal ging ich als Bloggerin hin. Da mein erster Tag aber voller Veranstaltungen war, verflog diese Aufregung schnell.

Nach einer ersten Runde über die Messe ging ich zu einem Interview mit dem Autor des Buches „Ach los, scheiß der Hund drauf!“, der Biografie des ehemaligen Stern-Kriegsreporters Randy Braumann.

Peter Chemnitz erzählte beeindruckt, wie das Leben beide in Görlitz zusammengeführt hatte: Braumanns Frau wollte von Hamburg nach Sachsen ziehen, um näher bei ihrem Sohn zu sein und trotz Einwände ihres Mannes, landeten sie in Görlitz, da es seiner Frau dort besser gefiel.

Dank seines Neuankömmlings- und Promistatus trug man Peter Chemnitz zu, dass ein berühmter, ehemaliger Journalist in die Nachbarschaft gezogen war und so verkündete er dessen Ankunft in der lokalen Zeitung. Daraufhin meldete sich Randy Braumann bei ihm und man traf sich.

Peter Chemnitz stellte fest, dass Randy Braumann sehr gerne und gut Geschichten erzählte und schlug ihm vor diese aufzuschreiben. Der ehemalige Reporter lehnte ab: „Ich bin Journalist! Ich schreibe nur, wenn ich einen Auftrag habe!“ So schrieb der Autor über zwei Jahre lang mit, bis Herr Braumann nicht mehr wollte („Such nen Verlag; vorher erzähl ich nicht weiter!“). Das tat Peter Chemnitz auch und fand mit etwas Glück den Weltbuch Verlag.

Leider konnte Randy Braumann nicht bei dem Gespräch sein – man entschuldigte den älteren Herren wegen Erkrankung. Dennoch war das Gespräch und die ersten Anekdoten aus seinem Leben sehr interessant und unterhaltsam.

Die anschließende Veranstaltung zu „Roadtrip mit Guru“ von Timm Kruse, Eden Books war ein leichtes Kontrastprogramm, da der Autor nach ein paar einleitenden Worten lediglich das Buch sprechen ließ.


Timm Kruse begann am Anfang seines Buches, wo er den Moment beschreibt, indem die übernatürliche Fassade des Gurus, dem er seitdem spontan neun Monate gefolgt war, zu bröckeln begann. Der Angriff wurde in Form einer großen, tätowierten, gewaltbereiten Bikerin namens Beate geführt. Die mit einigen blauen Flecken von einer Prügelei in die Raststätte eintritt, wo der Autor einen Kaffee trank. „Gott macht vor nichts Halt.“ Denn der Guru lehrt, dass Beate ebenso erleuchtet ist wie er.

Danach springt er vom Moment der Entzauberung zum Moment der Verzauberung. Er besuchte ein Festival der Indie Folk Musik wegen und probierte sich in einige der esoterischen Praktiken, die dort geboten wurden, aus. Schließlich kennt ihn ja keiner. Zufällig geht er zu einem Vortrag des besagten Gurus und wird gefangen genommen von der Atmosphäre aus Bewunderung, Gruppenaktivität und Gleichklang. Sehr amüsant fand ich dabei seine Vergleiche zum Fußballstadium, in dem meiner Ansicht nach dieselbe Macht herrscht: Verbundenheit und Sicherheit wird durch gemeinsames Singen und Rituale erzeugt und gestärkt.

Noch habe ich das Buch nicht erstanden – aber es steht erst mal auf der Eventuell-kaufen-Liste. Zumindest scheint es nach dem ersten Eindruck lehrreich und amüsant zugleich. Eine seltene Kombination.

Die nächste Veranstaltung war für mich fast die spannendste. So spannend, dass ich vor lauter zuhören und mitschreiben ganz vergessen habe, ein Foto zu machen ^_^ Aber auch ohne visuelle Unterstützung möchte ich euch gerne davon erzählen.

Es war ein Gespräch zu dem Thema „Wozu braucht man noch Literaturkritiker?“, eingeladen war Ijoma Mangold, Ressortleiter Literatur von Die Zeit. Die erste niederschmetternde Erkenntnis war, ein echter Literaturkritiker entdeckt auf einer Buchmesse nichts mehr, schließlich wird er schon Monate vorher von Verlagen umworben und informiert und hat auch schon alles geschrieben, was es zu sagen gibt.

Danach philosophierte er hauptsächlich über die größte und schwierigste Aufgabe in der Literaturkritik: der Selektion. Die findet zum Teil schon durch die Verlage statt, die den Zeitungen nur die Bücher ans Herz legen, die sie selber passend finden. Anschließend filtert die Zeitung noch einmal. Bekannte Autoren ebenso wie Debütanten haben eine gute Chance – der eine, weil die Leute es erwarten, der andere, weil der Kritiker gerne auch einmal entdecken will. Einzelkämpfer und kleine Verlage haben keine Möglichkeit besprochen zu werden – da nahm Herr Mangold kein Blatt vor den Mund.

Angst vor dem Internet und einem damit einhergehenden eventuellen Existenzverlust hat er nicht. Eine Zeitung wie Die Zeit hat echte „Selektionsautorität“, auf die die Leute vertrauen, während das Internet eine Selektionswüste ist ohne eigene Marke. Gerade diese Erkenntnis habe ich als Lehre für unseren Blog und mich dick unterstrichen – falls sich jemand von euch fragt, wo der Erfolg vergraben liegt: Ich persönlich denke, egal womit man es versucht, Konzept und damit einhergehende Selektion und Begrenzung sind die Schaufel zum Ausgraben 😉

Obwohl ich nach diesen ganzen Eindrücken und der halben Messestände inklusive schon einiger Bücher auf der eventuell-kaufen-Liste ziemlich erledigt war, blieb noch ein Punkt auf der zu erleben Liste: „Die Großrussin“ von Stefan Schwarz Rowohlt Verlag

Die Lesung fand ihm schönen und romantische Ambiente der Mädler Villa in Leutzsch statt – sehr schön um einen anstrengenden Tag ausklingen zu lassen. Der Autor hatte die Lesung mit viel Überlegung vorbereitet und führte selber durch den Abend. Leider werden Lesungen zu oft scheinbar gar nicht vorbereitet. Da ich ein Fan von solchen Veranstaltungen bin, finde ich das persönlich sehr schade.

Stefan Schwarz erzählte kurz die einleitende Geschichte: Ullrich Hasselmann ist Altphilologe und war in seinem früheren Leben, wie er selber sagt, „Bummeldoktorand“ und auf der Suche nach einer einfach Einnahmequelle. Da geriet er an eine Heiratsvermittlungsagentur, die deutsche Akademiker und hübsche Russinnen zusammenbringt, damit die Damen aus Osteuropa „den Markteintritt“ schaffen. D. h. erst mal in die Nähe reicher, deutscher Männer gelangen.

Stefan Schwarz las sehr gekonnt den Teil der Geschichte, in der die beiden Hauptfiguren verzweifelt versuchen die Ausländerbehörde von der Authentizität ihrer Gefühle zu überzeugen. Kein leichtes Unterfangen. Die Beschreibungen im Buch sind sehr detailliert sowie farben-, wort- und metapherreich. Meiner Begleiterin war es etwas zu viel – es erschien ihr mehr ein Haschen nach Pointen, die dadurch auch vorhersehbar wurden. Herr Schwarz überspitzte auch gerne gängige Phrasen („Mein Herz tat einen Hockstrecksprung.“). Im Verlauf der Geschichte nahm dieses überbordende Angebot etwas ab und der Autor nutzte seine Fantasie lieber für viele kleine Anekdoten und Nebengeschichten innerhalb des Buches. Ob der spätere Umschwung zu dem bisher unbekannten Sohn und der russischen Mafia aber vielleicht zu viel sein wird, weiß ich noch nicht.

Dank des gedämmten Lichtes gelang mir leider kein Foto. Die Lesung war aber sehr schön. Vielleicht beginne ich Stefan Schwarz auch mit einem seiner früheren Werke – wir werden sehen.

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