Erzählung, Fiktion, Wahre Begebenheit, Zeitgeschichte

Rezension: In Zeiten von Liebe und Lüge von Hélène Grémillon

„In Zeiten von Liebe und Lüge“ von Hélène Grémillon war mein absoluter Herbst-Favorit. Liebe auf den ersten Blick in der Leseprobe und eine Thematik die mich einfach gepackt hatte. Ein paar kleine Abstriche musste ich machen, habe aber trotzdem ein wirklich ungewöhnliches Buch genießen dürfen.

in_zeiten_von_liebe_und_luege_2„In Zeiten von Liebe und Lüge“ von Hélène Grémillon
Atlantik Verlag
352 Seiten
20,00 € (Hardcover)

Als die wunderschöne Lisandra an einem kalten Winterabend aus dem Fenster ihrer Wohnung in Buenos Aires gestoßen wird, fällt schnell der Verdacht auf ihren Ehemann. Vittorio ist Psychologe und seiner Frau verfallen, seit sie das erste Mal seine Praxis betrat. Dennoch sind fast alle in seiner Umgebung sicher, dass er die zarte Frau in den Tod getrieben hat. Einzig seine Patientin Eva Maria glaubt an Vittorios Unschuld und beginnt zu ermitteln: sie befasst sich mit Vittorios Patienten und versucht auch die Ehe des Paares zu ergründen. Ein Geflecht von Liebe, Lügen und Verrat breitet sich vor Eva Maria aus.

Eigentlich scheint die Situation aus vielen Krimis bekannt: eine Frau kommt ums Leben, der Ehemann gerät in Verdacht. Trotzdem ist „In Zeiten von Liebe und Lüge“ eigentlich viel mehr als das. Es ist ein Liebesroman, denn ein zentrales Thema ist die Liebesgeschichte zwischen Lisandra und Vittorio. Es ist ein Kriminalroman, denn Eva Marias Ermittlungen nehmen einen großen Teil der Handlung ein. Es ist ein psychologischer Roman, denn über die Tonbandaufnahmen von Vittorios Patienten lernen wir einige berührende Geschichten kennen. Und irgendwie ist es auch ein politischer Roman, denn einen wichtigen Anteil nehmen auch die argentinische Militärjunta und ihre Opfer ein.
Gerade zu diesem letzten Thema hätte ich mir allerdings ein wenig mehr Informationen erhofft. Denn zum Beispiel die Handlungen von Eva Maria werden erst vor dem Hintergrund ihrer Erlebnisse mit der Militärdiktatur verständlich. Ihre Tochter ist verschollen und fiel als eine der „Verschwundenen“ vermutlich der Regierung zum Opfer. Liest man sich in dieses Thema separat ein wenig ein, wird die ganze Tragweite des Romans erst umso begreifbarer und bewundernswerter. Die Verflechtungen von Liebe und Lüge, Verrat und Unterdrückung sind dann noch bedrückender.
So ist „In Zeiten von Liebe und Lüge“ nie ein ganz leichter Schmöker sondern behält immer dieses dunkle Brodeln unter der Oberfläche. Wirklich alle Charaktere haben auf ihre Weise mit eben diesen Lügen und der Liebe zu kämpfen. In dieser Geschichte ist nichts, wie es erst scheint.
Bei einigen Nebenhandlungen hätte ich mir dann aber noch einen etwas runderen Abschluss gewünscht. Es werden Protagonisten und ihre Geschichte vorgestellt, dann aber nicht so richtig mit der Haupthandlung verbunden oder aufgelöst. Das hätte die ganze Handlung für mich noch etwas vollkommener gemacht.
Toll ist die Erzählart des Romans, es ist eine bunte aber passende Mischung aus Rückblenden, Dialogen und den Tonbandaufnahmen der Patientengespräche, es werden Anekdoten eingewoben und dann die aktuellen Geschehnisse wieder aufgegriffen. Das ganze fügt sich so flüssig, dass die Seiten nur so vorbeifliegen und man am Ende atemlos erfährt, wie die schöne Lisandra zu Tode kam.

Insgesamt ein Buch das mir gut gefallen, aber noch kleinere Wünsche offen gelassen hat. Wirklich gute 4 von 5 Leseratten.

Das Buch in einem Tweet: „In Zeiten von Liebe und Lüge“ ist düster, fesselnd und ein wenig bedrückend. Noch packender wenn man die Hintergründe recherchiert.

P.S. Ich habe mich durch dieses Buch mit dem Thema der Militärdiktatur in Argentinien befasst und bin dabei auf den Roman „Perla“ von Carolina De Robertis gestoßen. Ein Buch das ich nun unbedingt noch lesen möchte, um mehr über Argentiniens verlorene Kinder zu erfahren. Wenn’s euch interessiert schaut da auch mal rein.

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