Drama, Erzählung, Fiktion

Rezension: Funny girl von Anthony McCarten

Mit „Ganz normale Helden“ hat mich Anthony McCarten für sich begeistert. Logisch, dass ich da „Funny girl“ auch recht schnell im Visier hatte, aber erst Simon von ZeichenTonBild hat mich endgültig aufgerüttelt und mit seiner Rezension davon überzeugt, dass ich das Buch lesen MUSS.

funny_girl„Funny Girl“ von Anthony McCarten
Diogenes Verlag
384 Seiten
21,90 € (Hardcover)

Azime lebt gemeinsam mit ihren Eltern und Geschwistern in London. Die Eltern, gebürtige kurdische Türken, betreiben ein kleines Möbelgeschäft und engagieren sich in der türkischen Gemeinde im Londoner Süden. Azime fühlt sich im engen familiären Käfig gefangen und findet schließlich über die Komik eine Möglichkeit, sich frei Gehör zu verschaffen. Sie wird der erste weibliche muslimische Stand-up Comedian und tritt (eigentlich um nicht erkannt zu werden) in Burka auf. So polarisierend sie dadurch auf ihr Publikum (das englische sowie das türkische) wirkt, so polarisierend wirkt auch „Funny Girl“ auf den Leser!

Ich habe in den letzten Tagen und Wochen wirklich jedem, der es hören wollte (oder auch nicht hören wollte), von diesem Buch erzählt. Die Geschichte von Azime, die ihren Gedanken und Gefühlen über Comedy Ausdruck verleiht, hat mir unheimlich gut gefallen. Natürlich kann ich selbst nicht einschätzen, wie realistisch die Strukturen in der kurdischen Familie oder der Gemeinde dargestellt werden, kann Themen wie Ehre und gar Ehrenmord nur als Außenstehende aufnehmen. Die Kontraste und die Botschaften, die das Buch aber aus diesen Situationen ableitet, kann ich wiederum gut nachempfinden. Über Komik, so der Autor, wird zwischen den Menschen eine Brücke geschlagen. Indem wir gemeinsam Lachen, sind wir verbunden miteinander im Moment, aber auch mit all jenen, die diesen Humor schon vor uns geteilt haben. Komik vereint und trennt nicht, ruft zu Selbstironie und einem milden Blickwinkel auf unsere Schwächen auf.
Ich bin aus dem Markieren witziger, nachdenklicher und interessanter Textstellen in diesem Buch gar nicht herausgekommen. Manche Witze sind wirklich böse, halten uns einen Spiegel vor oder sind gar kontrovers. Andere sind nett und harmlos, bringen uns zum Schmunzeln und haben das Buch für mich zu einem echten Genuss gemacht. Über die sozialen Medien kam nach einem meiner Posts die Frage auf, ob dies Witze „auf Kosten anderer“ sind, ob es richtig ist darüber zu Lachen. Ob das lustig ist. Natürlich gibt es kein allgemeines empfinden für „lustig“ und ich kann nur dafür sprechen, dass dieses Buch meinen Geschmack getroffen hat. Gleichzeitig ist Humor häufig „gegen“ irgendeine Eigenschaft oder Personengruppe gerichtet. Für mich bedeutet das nicht in jedem Fall einen Angriff, sondern wie schon gesagt, die lockere Möglichkeit auch über ernste Themen zu sprechen.
„Funny girl“ bietet eine tolle Geschichte, die durch eine spannende Nebenhandlung noch wertvoll ergänzt wird. Vielleicht wirkt der Ehrenmord in der Handlung ein wenig zu klischeehaft und stellt die Kontraste der Kulturen zu platt heraus, die Auflösung dieser Geschichte ist ergreifend und rundet die Botschaft des Buches wunderbar ab.
Genau wie alle Charaktere im Buch gerade durch ihre Einzigartigkeit sympathisch wirken, ruft dieses Buch dazu auf die eigene Einzigartigkeit zu akzeptieren und zu nutzen. Trotz Konflikten für seine Ziele einzustehen und sich dabei gegenseitig mit Respekt zu begegnen.

Ich habe „Funny girl“ von der ersten bis zur letzten Seite genossen und habe sowohl die eingeschobenen Stand-up Comedy Texte, als auch die ernsteren Abschnitte mit Begeisterung verschlungen. Die Witze und Dialoge sind nicht immer politisch korrekt, die Botschaft aber wertvoll. Wer mit dieser Art von zum Teil derbem Humor ein Problem hat, sollte dieses Buch nicht lesen, alle anderen können eine spannende, kontrastreiche Geschichte genießen.
Von mir, ganz individuell, 5 von 5 Leseratten.

Das Buch in einem Tweet: “Funny girl” ist humorvoll, kontrastreich und bleibt definitiv in Erinnerung. Hier wird ein schwieriges Thema ganz anders aufbereitet.

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8 Comments

  • Reply Melissa April 6, 2015 at 9:25 pm

    Ich hab ja jetzt endlich Superhero gelesen und beendet. Ich werde den Autor definitiv weiter im Auge behalten!

    • Reply Alexandra April 7, 2015 at 10:40 am

      Liebe Melissa,

      nach „Superhero“ muss ganz klar „Ganz normale Helden“ kommen, ich hab ja falschherum angefangen, werde aber „Superhero“ sicher noch irgendwann nachholen. Der Autor hat auch mich wirklich überzeugt.

      Liebe Grüße
      Alexandra

  • Reply Anna April 7, 2015 at 10:28 am

    Ich fand „funny girl“ auch so so gut!! Wirklich eines meiner Highlights zurzeit bzw. aus dem letzten Jahr 😉 „Ganz normale Helden“ dagegen war eher nichts für mich…da habe ich mich stellenweise doch eher gequält. Als nächstes möchte ich unbedingt „Englischer Harem“ vom selben Autor lesen, ich glaube, das könnte mich eher begeistern.

    Liebe Grüße
    Anna

    • Reply Alexandra April 7, 2015 at 10:40 am

      Liebe Anna,

      „Ganz normale Helden“ hat mir gut gefallen, da ich selbst ein bisschen Gamer-Girl bin und das Thema einfach toll fand, vor allem die inneren Monologe des Anwalts-Vaters über das Pro und Contra der Games, sehr gelungen.
      „Englischer Harem“ steht bei mir erst seit „Funny girl“ auf der Liste, der Autor hat mich nun vollends überzeugt und passt ein wenig in meinen Ian McEwan-Lesehunger, humorvoll aber tiefgründig, abgedreht und anders. Kennst du „Solar“ von Ian McEwan? Ich möchte das demnächst nochmal lesen, es hat mich damals unheimlich begeistert 🙂

      Liebe Grüße
      Alexandra

      • Reply Anna April 7, 2015 at 10:44 am

        Hi Alexandra 🙂

        gut gemacht ist „Ganz normale Helden“ auf jeden Fall, nur irgendwie nicht passend für mich 😉 Dafür bin ich wahrscheinlich zu wenig Gamer Girl… hehe.

        „Solar“ kenne ich noch nicht, klingt aber interessant! Zurzeit habe ich hier noch „Honig“ von Ian McEwan rumliegen, das wollte ich demnächst mal lesen 🙂

        Liebe Grüße
        Anna

        • Reply Alexandra April 7, 2015 at 10:49 am

          Hi Anna,

          ich weiß nicht ob „Honig“ ein idealer Einstieg für McEwan ist, mich haben „Solar“ oder „Abbitte“ mehr begeistert, „Honig“ ist zwar gut gemacht, der letzte McEwan-Pfiff ist da aber noch nicht zu erkennen. „Der Zementgarten“ wird zum Beispiel auch sehr gelobt und ist beeindruckend gemacht, wirklich hingerissen haben mich aber dann erst wie gesagt die anderen Bücher 🙂

          Liebe Grüße
          Alexandra

          • Anna April 7, 2015 at 10:55 am

            Hey,

            ah ok, danke für den Tipp! Dann überleg ich mir das nochmal und schaue vielleicht eher mal in der Stadtbibliothek nach „Solar“ oder „Abbitte“, ich will ja nicht enttäuscht werden 😀

            Liebe Grüße und dir noch einen schönen Tag!
            Anna

  • Reply Neu im Regal: Januar im #jdtb16 und ein wahnsinniger Gewinn Januar 20, 2016 at 8:10 pm

    […] ganz so nachhaltig, aber immer noch eindringliche Lektüre. Von Anthony McCarten war ich schon seit “Funny Girl” oder “Ganz normale Helden” begeistert, mit diesem Titel wollte ich endlich mehr von diesem […]

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