Drama, Fiktion

Rezension: Was wir fürchten von Jürgen Bauer

Ich leide unter Arachnophobie, ein wenig Achluophobie, Coulrophobie… Nein, ganz so ist es nicht. Zwar begleiten mich (wie jeden Menschen) einige begründete oder unbegründete Ängste und ich bin auch ein eher ängstlicher Mensch, von Phobien ist mein Leben aber nicht bestimmt. Es war daher spannend für mich in „Was wir fürchten“ die Ängste und paranoiden Ideen des Protagonisten zu verfolgen. Hier wird ein ganz normales Gefühl wirklich ins Extreme übersteigert dargestellt. Ein authentisches und fesselndes Buch.

Was wir fuerchten Cover„Was wir fürchten“ von Jürgen Bauer
Septime Verlag
264 Seiten
21,90 € (Hardcover)

Georgs Vater leidet unter einer paranoiden Angststörung. Solang Georg denken kann, wird das Leben der Familie bestimmt von Wahnvorstellungen, Krankenhausaufenthalten und den abwesenden Phasen (ausgelöst durch schwere Medikamente) des Vaters. Als Georg erste Anzeichen eigener Paranoia zeigt, ist seine Mutter schier verzweifelt. Nun viele Jahre später leidet auch Georg tatsächlich an einer ausgewachsenen Angststörung und Verfolgungswahn. In „Was wir fürchten“ berichtet Georg einem unbekannten Erzähler wie es dazu kam und welche Episoden ihn derart prägten.

Die Art und Weise wie „Was wir fürchten“ erzählt wird, hat mir ausgesprochen gut gefallen. Es wechseln sich Dialoge zwischen Georg und seinem unbekannten Zuhörer mit Episoden aus Georgs Leben ab. Immer berichtet Georg aus seiner Perspektive, seine Erzählungen klingen in sich logisch, Ängste zum Teil begründet. Erst durch die Rückfragen und Skepsis des Zuhörers kommen leise Zweifel an den Erzählungen auf. Durch diese Kontraste kommt eine tolle Spannung innerhalb des Romans zustande. Ich liebe Geschichten, die die Wahrheit in Zweifel stellen und in „Was wir fürchten“ geschieht genau das: Seite für Seite verstrickt sich der Leser mehr in die Geschichte, glaubt mal fest an bestimmte Aspekte der Geschichte, sucht mal ratlos nach der Wahrheit.

Generell scheint bei „Was wir fürchten“ kein Satz zufällig gesetzt, keine Beschreibung willkürlich und keiner der Charaktere bloßes Beiwerk. Alles wirkt sehr durchdacht und fügt sich wunderbar dem Hauptthema der Ängste und Paranoia. Zum Beispiel spiegelt der Aufbau des Romans das zwanghafte Kreisen der Angststörung, um die immer gleichen Themen wieder.

Sie sprach völlig frei und ohne Zögern:
„Wie geht es Ihnen?“
Ich dachte:
„Du bist ja paranoid“
Ich dachte:
„Es wird mir wieder besser gehen.“
Doch ich brachte nur hervor:
„Ich weiß es nicht.“
– S. 168

Dieses „Ich dachte:“ und die immer gleichen Gedanken über die Aussagen von Freunden und Familie verfolgen Georg und verfolgen daher auch den Leser im Verlaufe des Buches. Eine wirklich tolle Idee.

Manchmal war mir die Gedankenwelt von Georg zwar ein bisschen zu anstrengend, zu verengt und beängstigend. Aber genau das ist es, was seine Krankheit ausmacht. Echte Kritik habe ich daher nicht. Daher bleibt für mich bei diesem Buch nur eine Bewertung von 5 von 5 Leseratten übrig. Das Spiel mit Wahrheit und Wahn, tolle emotionale Szenen und ein spannender Aufbau haben mich überzeugt.

Das Buch in einem Tweet: „Was wir fürchten“ dreht sich um Wahn und Wahrheit, behandelt Ängste und Paranoia authentisch und trotzdem spannend. Eine gelungene Mischung!

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