Drama, Erzählung, Fiktion

Rezension: Die geheime Geschichte von Donna Tartt

Mit „Der Distelfink“ hat mich Donna Tartt absolut überzeugt und süchtig zurückgelassen. Eine so detailverliebte und trotzdem spannende Geschichte findet man selten. Auf über eintausend Seiten war für mich kein Wort zu viel, keine Szene langweilig. Mit „Die geheime Geschichte“ wollte ich an dieses Lesefieber anknüpfen. So ganz ist mir das nicht gelungen, dafür folgt die Geschichte zu sehr Pfaden, die ich so nicht bevorzuge.

Geheime_Geschichte„Die geheime Geschichte“ von Donna Tartt
Goldmann Verlag
608 Seiten
8,99 € (ebook)

Als Richard dank eines Stipendiums das College besuchen kann, lernt er eine völlig neue Welt, fern ab seiner einfachen Herkunft, kennen. Besonders ein kleines Grüppchen von Studenten hat schnell seine Aufmerksamkeit erregt. Die Versenkung der kleinen Gruppe in Lehre und Wissenschaft fasziniert ihn völlig und auch ihr exklusiver Lebensstil hat es ihm angetan. So nähert sich Richard dieser Clique, wird Teil der Gruppe und sieht schließlich unter der heiteren Oberfläche auch menschliche Abgründe lauern.

Aus der Retrospektive berichtet Richard in „Die geheime Geschichte“ seinen Werdegang am College, die Annäherung mit seinen späteren Freunden und ihre gemeinsame, tragische Geschichte. So lernen wir Richard und auch die spätere Clique wunderbar kennen, genau dort findet sich aber (gleich zu Beginn) mein Stolperstein in dieser Geschichte
Denn gerade der Start in die Geschichte mit Richards Ankunft am College und der Orientierung in dieser für ihn völlig neuen Welt war für mich zu detailverliebt, zu getragen und gedehnt. In diesem Abschnitt schritt weder die Handlung an sich, noch die Ausarbeitung des Charakters für mich ausreichend voran. Problematisch war für mich außerdem die Darstellung der Charaktere als Gruppe. Ihre intellektuelle Selbstbeweihräucherung und ihre Dekadenz schreckten mich ab. Alles in allem keine Atmosphäre, die mich überzeugen konnte.

Erst später, nämlich dann als Richard vollständig in den Sog der kleinen Gruppe gerät, konnte ich endlich wieder das Erleben, wofür ich die Autorin verehre: die Charaktere wurden spannend herausgearbeitet und die Entwicklung der Handlung wirkt bedrohlich und dennoch realistisch. Auch die dort auftretenden moralischen Fragen, die Selbstzweifel und individuellen Positionen der verschiedenen Charaktere haben mir wunderbar gefallen. So lernen wir in diesem Abschnitt, wie die verschiedenen Figuren mit Schuld und Schuldgefühlen umgehen, Verantwortung für ihre Taten übernehmen oder sich zu entziehen versuchen.
Ab diesem Moment wollte ich „Die geheime Geschichte“ nicht mehr beiseitelegen, konnte den Ausgang der Geschichte kaum abwarten.

Unterm Strich sind es für mich leider nur hin und her gerissene 3 von 5 Leseratten. Volle Punktzahl für das Ende der Geschichte, Abzüge für den für mich schwierigen Start und die zu beginn fehlende Atmosphäre.

Ein wenig erinnerte mich die Geschichte übrigens an „Die alltägliche Physik des Unglücks“ von Marisha Pessl mit dem ich damals so sang- und klanglos gescheitert bin. Vielleicht habe ich mich auch deswegen mit diesem Buch so schwer getan und erst spät Freundschaft damit geschlossen.

Deutlich  begeisterter ist übrigens die Videorezension von VERStand, sie hat in diesem Buch wohl beinahe ein neues Lieblingsbuch gefunden. Schaut mal rein!

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1 Comment

  • Reply Sophie (VERStand) November 27, 2015 at 8:07 am

    Danke für das Verlinken, liebe Al!
    Eigentlich hätte ich den Distelfink auch als erstes gelesen, aber lange Bücher und ich… das braucht immer etwas mehr Willen.
    „Die geheime Geschichte“ konnte ich z.B. gar nicht mehr aus der Hand legen, da sich durch diese „Detailverliebheit“, die dir weniger gefiel, eine ganze Welt um mich her entstand beim Lesen. 🙂 Da wollte ich nicht mehr raus für die 4 Leseabende.
    Ich hoffe, die Enttäuschung war nicht zu groß! /:
    Vielleicht merkt man dem Buch durch all das Wissen, das manchmal absichtlich und offensichtlich mit eingewoben wird, an, dass es ein Erstling ist und in Tartts eigener Studentenzeit entstand?! Gerade der Altgriechisch-Aspekt gefiel mir, da ich letztes Semester einen solchen Kurs besuchte und das Interesse an Dramen und Geschichtsschreibung wieder höher ist. 🙂
    Wirst du noch Tartts kleinen Freund lesen?
    Beste Grüße an dich!
    [Im Übrigen habe ich die Postkarte an dich nicht vergessen, kommt zum baldig passenden Zeitraum ;]

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