Erzählung, Fiktion, Historie, Wahre Begebenheit

Rezension: Die Gestirne von Eleanor Catton

Wer „Die Gestirne“ liest, sollte Geduld, eine hohe Konzentrationsfähigkeit und ein gutes Gedächtnis besitzen. Ich muss zugeben, dass ich bei allen drei Eigenschaften auch meine Schwächen habe. Vielleicht lag es daran, dass ich dieses Buch nicht so genießen konnte, wie ich es gern wollte (und wie es viele andere berichteten).

„Die Gestirne“ von Eleanor Catton
Btb Verlag
1040 Seiten
19,99 € (eBook, für mich musste es unbedingt das eBook sein. Gebunden hätte es mich überwältigt)

Neuseeland, 1866: der Goldrausch ist in voller Blüte und das Küstenstädtchen Hokitika erlebt seine große Stunde. Viele vielversprechende Goldfelder werden hier vermutet, das zieht sowohl ehrenwerte als auch verruchte Gestalten in den kleinen Ort. Bald sorgt eine Reihe von ungelösten Verbrechen für Besorgnis. Eine opiumsüchtige Hure wird halbtot auf der Straße gefunden, ein reicher Geschäftsmann verschwindet und im Haus eines armen Säufers wird ein Goldschatz entdeckt. Daraufhin treffen sich zwölf besondere Männer, um dem Treiben auf den Grund zu gehen…

Mit der Versammlung dieser schillernden Gestalten beginnt „Die Gestirne“ und hat im ersten Drittel des Romans eine ganz besondere Konstruktion. Die Handlung an sich ist sehr reduziert, alles passiert unendlich langsam. Mich hat dies einerseits sehr begeistert, mir andererseits all meine Geduld abgerungen. Statt tatsächlicher „Handlung“ scheint die Zeit stillzustehen, wir bewegen uns in unzähligen Rückblenden, (inneren) Monologen und Dialogen durch die Geschichte. So vergeht im ersten Drittel des Buches für die Protagonisten gerade mal ein Abend, für den Leser gern mehrere Tage.
Trotzdem hat mich dieser Abschnitt der Geschichte am Meisten begeistert. Denn trotz der statischen Handlung wird es nie langweilig. Jede Rückblende wird spannend gestaltet, es ist interessant Stück für Stück die Bewohner Hokitikas kennenzulernen und die mysteriösen Geschehnisse zu entdecken.

Nach dieser Phase des scheinbaren Stillstands beginnt im zweiten Drittel des Romans die Suche nach der Wahrheit, der Auflösung der Verbrechen und eine Reihe von Mutmaßungen. Dieser Teil des Buches hat mich schier zum Verzweifeln gebracht. Tatsächlich waren die Übergänge der einzelnen Erzählstränge und Vermutungen für mich sehr anstrengend auszumachen. Zwar kommen ständig neue spannende Theorien, doch manchmal gingen diese so nahtlos ineinander über, dass ich ein wenig die Orientierung in der Geschichte und vor allem zwischen den Personen verloren habe.
Ich habe schließlich tatsächlich mitgeschrieben und mir Verbindungen und Konflikte notiert, um noch länger folgen zu können.

Es ist beeindruckend „Die Gestirne“ zu lesen, weil es sprachlich und atmosphärisch nicht aus unserer Zeit zu sein scheint. Die Erzählweise ist so authentisch, dass ich immer wieder an alte Western erinnert wurde. Selbst die enorme Länge des Buches passt zu diesem Thema: schließlich dauern gute alte Western auch mal mehrere Stunden, ihrer Spannung tut das keinen Abbruch!

Wer Geduld aufbringt, wird im letzten Abschnitt des Buches übrigens noch einmal belohnt. Die Fäden der Geschichte werden dort umfassend und schlüssig verbunden. Jede Figur erhält noch einmal eine Würdigung und Einordnung in die Geschichte. Einzig der dort recht künstlerische Kniff die Zusammenfassung der Kapitel stetig länger werden zu lassen, als die Kapitel an sich, hat mich nicht ganz überzeugt. Das wirkte etwas aufgesetzt.

Unterm Strich habe ich mit „Die Gestirne“ ein Wechselbad der Gefühle erlebt, habe mich teilweise durch das Buch kämpfen müssen, häufig über die Sprache geschwärmt und die Geschichte dann doch gemocht. Das macht durchwachsene aber eben auch ausgewogene 3 von 5 Leseratten!

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1 Comment

  • Reply Ute Februar 3, 2016 at 8:02 pm

    Ja, sowas hatte ich schon gehört, als es ‚The Luminaries‘ noch nicht auf Deutsch gab – dass man Durchhaltevermögen braucht, dass es toll ist, aber schon mit Längen, dass man am Ball bleiben muss. Ich bin lange drumrum geschlichen, hab’s aber letztlich nicht gekauft. Was du sagst, bestätigt mir jedenfalls, dass das im Augenblick (wo ich nicht die innere Ruhe für so was habe) kein Roman für mich ist. Danke für die Einschätzung!

    Gruß,

    Ute aka papercuts1

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