Drama, Fiktion

Rezension: Unter der Wasserlinie von Ross Raisin

Anfangs klang „Unter der Wasserlinie“ nach einer echten Entdeckung. Ein Geheimtipp quasi! Die Szenerie, Glasgow nach dem Rückgang der Schwerindustrie, interessierte mich sehr und auch der Stil überzeugte mich auf den ersten Seiten. Leider hat mich das Buch nach einem tollen Start wirklich enttäuscht und ernüchtert zurückgelassen.

Raisin_RUnter_der_Wasserlinie„Unter der Wasserlinie“ von Ross Raisin
Karl Blessing Verlag
368 Seiten
19,99 € (Hardcover)

Das Buch beginnt nach einem Todesfall und beschreibt in den ersten Kapiteln, wie eine Familie sich nach diesem Verlust zusammenrauft. Wie sie nach der Beerdigung behutsam und umsichtig miteinander umgehen, zum Teil aber auch einfach nur sprachlos sind. Mick Little, Hauptfigur des Romans, der seine Ehefrau Cathy nach unzähligen gemeinsamen Jahren so plötzlich verliert, verliert damit auch den Boden unter den Füßen. Zuerst versucht er noch, sich weiter durch sein Leben zu hangeln, später folgen Verzweiflung und Absturz.

Der Einstieg in den Roman, so unvermittelt dieser auch ist, fiel mir wirklich leicht. Die ersten Kapitel des Buches verbreiten eine bedächtige und zwar traurige, aber doch auch irgendwie hoffnungsvolle Atmosphäre. Das kommt auch durch die wunderschöne Sprache. Vorsichtig und voll Details werden die Familie und ihre Konflikte beschrieben.

Ich war gespannt auf Micks Geschichte, auf die Hintergründe zu seiner Vergangenheit als Werftarbeiter und Details zur wirtschaftlich angespannten Situation in Glasgow. Vielleicht erwartete ich eine „Selbstfindungsgeschichte“ oder auch nur einen Familienroman voll Schwermut. Was ich jedoch nicht erwartete, war der gleichförmige, deprimierende und insgesamt einfach nur schreckliche Verlauf der Geschichte.
So wie unsere Hauptfigur den Mut verliert, verlor auch das Buch für mich völlig an Reiz. Statt der anfänglichen Atmosphäre und Feingefühl barg es für mich nur mehr Monotonie. Zwar ist Micks Abstieg zunächst noch sehr eindringlich beschrieben und scheint den Leser auf ungewöhnliche Weise mit seinen Konflikten in Verbindung zu bringen. Irgendwann jedoch ist da nur noch Eintönigkeit und auch ein Stück weit Ekel.
Auch sprachlich verlor mich dieser Teil des Buches völlig. Alles gleichförmig, immer wieder dasselbe, eine ellenlange Beschreibung nach dem immer gleichen Muster. Tag. Nacht. Hell. Dunkel. Kalt. Bier. Ich musste schwer mit mir Kämpfen das Buch nicht abzubrechen oder mich direkt auch zu betrinken.

Ich hoffte wirklich lange Zeit, dass das Buch noch eine interessante Wendung und Entwicklung bereit hält und ich (wie der Protagonist) nur genug Durchhaltevermögen benötigen würde. Leider erfüllte sich diese Hoffnung nicht. Wo noch einmal Entwicklung aufkommt, wirkt alles zu bemüht, die Auflösung der Geschichte schließlich scheint ein wenig erzwungen.

Ich weiß nicht, für welche Art von Leser dieses Buch gemacht ist. Von mir gibt es unterm Strich gerade noch 2 von 5 unglücklichen Leseratten, da es mich zumindest sprachlich zeitweise berühren konnte und mich auch zu Beginn noch inhaltlich ansprach.

Das Buch in einem Tweet: „Unter der Wasserlinie“ ist erst sprachlich beeindruckend, später inhaltlich monoton und hilft zuverlässig gegen zu gute Laune.

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