Drama, Fiktion

Rezension: Das Haus des Windes von Louise Erdrich

Eigentlich hatte ich in “Das Haus des Windes” etwas ganz anderes erwartet. Statt verborgener Geheimnisse in einem gruseligen Haus dreht sich das Buch um Schuld und Gerechtigkeit. Eine Frau wird im Grenzgebiet zwischen staatlichem Territorium und Stammesland der amerikanischen Ureinwohner brutal vergewaltigt. Stark verletzt und traumatisiert kann sie nicht sagen, wo genau das Verbrechen geschah. Die Verfolgung des Täters wird so zum Tanz auf Messers Schneide: Strafverfolgung kann nur durch das zuständige Gericht erfolgen.

Obwohl “Das Haus des Windes” thematisch deutlich ernster ist, als ich es zu erst erwartete, hat es mich wirklich gefangen. Die Thematik rund um die Ungerechtigkeit gegenüber den amerikanischen Ureinwohnern war für mich absolut spannend. Im Buch wird die Geschichte aus der Perspektive des Sohnes des Opfers erzählt: der 14jährige Joe hadert mit dem Verbrechen gegen seine Mutter. Statt einen glühenden, glücklichen Sommer zu verbringen, möchte er ihr Rache zuteil werden lassen.
Das Buch spannt einen tollen Bogen zwischen der Darstellung der herzlichen und stolzen Kultur der amerikanischen Ureinwohner und einer dramatischen Geschichte über ihre zum Teil große Machtlosigkeit. Ein Thema, das für mich so gar nicht präsent war. Schön war auch, dass die Autorin wenig “Indianerkitsch” aufkommen lässt, aber dennoch indianische Traditionen in die Handlung einwebt.

Manche Figuren im Buch sind vielleicht ein wenig klischeebeladen, die grummeligen Omis mit dem Herzen aus Gold und geschwätzigen Opis meint man aus anderen Büchern schon zu kennen. Insgesamt waren es aber genau die Figuren, die diese Geschichte brauchte. Charaktere mit Charme und Herz, beschrieben in einer unaufgeregten und angenehmen Erzählweise.

Für mich war “Das Haus des Windes” ein Drama, gewürzt mit Krimielementen und ein wenig aktueller Geschichte. Ein Buch, dass den Horizont öffnet und doch auch einfach unterhält. An mancher Stelle hätten die Probleme ein wenig anschaulicher thematisiert werden können, die reine “Frage der Verwaltung” auf die sich manches herunterbrechen lässt, wirkte im Angesicht der Bedeutung dieses Themas etwas zu einfach. Unterm Strich aber völlig zufriedene  4 von 5 Leseratten.

Das Buch in einem Tweet:

“Das Haus des Windes” von Louise Erdrich, übersetzt von Gesine Schröder, erschienen im Aufbau Verlag, 384 Seiten, 9,99 € (Taschenbuch)

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2 Comments

  • Reply Kerstin Scheuer Mai 9, 2016 at 2:55 pm

    Hallo liebster Bücherzwilling,

    wie machst Du das nur?! – Gerade erst gestern Abend habe ich „Der Triumph der Geraldine Gull“ von Joan Clark beendet. Ob Du´s glaubst oder nicht: Darin geht es um die Bewohner einer kleinen abgelegenen Indianerdorf im Norden Kanadas. Die Thematik ist zwar eine andere, aber auch hier erfährt man viel über die aktuelle Situation der indianisch stämmigen Bevölkerung und ihrer Bräuche, ohne dabei in sentimentalte Indianerromantik zu verfallen.

    Das Cover von „Das Haus des Windes“ ist schon ein Knaller und Deine Rezension macht Lust, es zu lesen.

  • Reply [Die Sonntagsleserin] Mai 2016 | Phantásienreisen Juni 5, 2016 at 7:00 am

    […] zwischen staatlichem Territorium und Stammesland der amerikanischen Ureinwohner geschah … Ja, Louise Erdrichs „Das Haus des Windes“ klingt nach starkem Tobak – wäre jedoch ohne die Besprechung von Alexandra auf dem Read […]

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