Drama, Fiktion

Rezension: Agaat von Marlene van Niekerk

Es fällt mir schwer, mich von “Agaat” zu trennen, die letzten Tage habe ich jede freie Minute mit diesem Buch verbracht, es eingeatmet. “Agaat” riecht für mich nach Fenchel und trockener Erde, eine lebendige und traurige Geschichte, die mich auch jetzt noch sehr beschäftigt. “Agaat” spricht vom Leben aber auch vom Sterben.  Ein neues Buch zu beginnen ist gerade kaum möglich.

“Das Leben ist es, das in einem Wimpernschlag vorübergeht. Während Sterben eine Ewigkeit dauern kann.”

“Agaat” erzählt die Geschichte von Milla de Wet und ihrer Haushälterin und Kinderfrau Agaat. Milla liegt im Sterben, Agaat ist ihre letzte treue Begleiterin. Die Atmosphäre zwischen den beiden Frauen pendelt ganz dicht zwischen liebevoller Fürsorge einerseits und kleinen Grausamkeiten andererseits. Eine beklemmende Situation, wie Agaat ihrer alten Herrin zwar versucht alle Wünsche von den Augen abzulesen, aber auch ihre neue Macht über sie genießt.

In wechselnden Abschnitten werden Millas teils wirre Gedankenfetzen, alte Tagebucheinträge mit Erlebnissen aus dem gemeinsamen Leben der beiden Frauen und diese letzte beschwerliche Zeit erzählt. Durch den immer gleichen Wechsel dieser Erzählebenen entwickelt “Agaat” einen ganz eigenen Rhythmus, dem ich mich nicht entziehen konnte. Vor allem die Entwicklung der beiden Hauptfiguren nahm mir dabei den Atem: wie konnte sich ihre Beziehung so entwickeln? Wie stehen sie zueinander? Da Agaat nie selbst zu Wort kommt, bleiben ihre Gedanken und Empfindungen Großteils ein Rätsel. Durch ihre Taten jedoch, bekommt auch sie ein Gesicht. Manch seltsames Verhalten, wird durch die Rückschau in die Vergangenheit so plötzlich verständlich.

Kurz vor Ende der Apartheid in Südafrika angesiedelt, wird die Geschichte von Milla und Agaat auch durch die Konflikte mit den gesellschaftlichen Konventionen gelenkt. Die dadurch entstehenden, widerstreitenden Gefühle der Figuren sind wunderbar beschrieben und atmosphärisch dicht erzählt. Milla, die in ihrer Hilflosigkeit im Angesicht ihrer Gefühle auch Agaat viel Unrecht tut, zieht nun ein Resümee über ihr Leben.

Es gibt so viele Aspekte, die dieses Buch auf ganz eigene Art wunderbar machen: der überwältigend schöne Erzählstil, mal offen und direkt, mal schwärmerisch in der Beschreibung der Natur Südafrikas. Oder die wirren und zum Teil auch abschreckenden Abschnitte mit Millas Gedanken: ohne Punkt und Komma, oft nur in Assoziationen folgen wir ihren Empfindungen. Unbeschreiblich. Einzig der etwas sperrige Epilog scheint sich nicht in den flüssigen und beinahe magischen Erzählfluss einzureihen.

Für mich war “Agaat” ein Genuss. Ein Buch, welches mich eine Woche während der Lektüre begleitete und nun ein Leben lang begleiten wird. Ganz klar 5 von 5 Leseratten.

Das Buch in einem Tweet:

“Agaat” von Marlene van Niekerk, übersetzt von Stefanie Schäfer, erschienen im btb Verlag, 816 Seiten, 12,99 € (Taschenbuch)

* Ich hoffe das Foto kann zeigen wie schön rundgelesen, rundgeliebt mein Buch nun ist!

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1 Comment

  • Reply [Die Sonntagsleserin] Juni 2016 | Phantásienreisen Juli 3, 2016 at 8:32 am

    […] indem sie mich sowohl auf Joey Goebels „Ich gegen Osborne“ als auch auf Marlene van Niekerks „Agaat“ neugierig […]

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