Erzählung, Fiktion

Rezension: Die Küche ist zum Tanzen da von Marie-Sabine Roger

“Die Küche ist zum Tanzen da” ist die erste Kurzgeschichtensammlung von Marie-Sabine Roger. In den Geschichten geht es um Einsamkeit und Alter, aber auch um die kleinen Momente voll Glück und Liebe, die unser Leben wertvoll machen. In beinahe jeder Geschichte wartet eine kleine Überraschung, ein erwartet unerwarteter Moment, welcher der Geschichte eine neue Wendung verleiht.

Marie-Sabine Roger ist eine Meisterin der kurzen Form. Ihre Romane haben selten mehr als 200 Seiten und in ihnen ist dennoch eine ganze Welt gefangen. Der Sprung von der Novelle zur Kurzgeschichte scheint nicht weit zu sein, trotzdem haben mich ihre Geschichten nicht völlig überzeugt.

Wie in ihren Romanen stehen ungewöhnliche und liebenswerte Protagonisten im Zentrum des Geschehens: eine schrullige Senioren-WG oder eine alte Dame und ihr Haustier. In jeder Geschichte sind es Figuren, die man mögen muss. In wenigen Sätzen erschafft Marie-Sabine Roger außerdem Situationen und ganze Leben für diese Figuren. Besonders gefallen hat mir das in “Murphys Gesetz”. In dieser Geschichte wird neben der Handlung auch viel über den Charakter und Werdegang der Hauptfigur erzählt, ganz leicht und fein eingewoben.
Anders als in ihren Romanen fehlt jedoch die Perspektive. Die Romane enden häufig mit einem Ausblick, einer Richtung in die es weitergehen könnte und an der man träumen kann. Das Ende der Geschichte ist der Start eines neuen Lebens oder etwa eine neue Entdeckung. In den Kurzgeschichten hingegen wirkt das Ende sehr endgültig, fast schon bedrückend. Zwar ist auch da manchmal ein Fünkchen Hoffnung, doch oft auch nur der Moment der Überraschung oder ein trauriges Fazit. Danach sind die Geschichten so schnell verblasst, wie wir in sie hineingestolpert sind.

Außerdem wirken die Kurzgeschichten deutlich trauriger als Marie-Sabine Rogers Romane. Durch die kurzen Abschnitte bleibt wenig Zeit für Hoffnung. Ausweglose Situationen bleiben häufig ausweglos, es gibt wenig Entwicklung.
Vielmehr sind die Kurzgeschichten wie kleine Fotos: Szenen aus möglichen Romanen, Figuren über die man hätte etwas erzählen können, festgehalten in einem Moment. Diese literarischen Fotografien sind toll gestaltet und in der für die Autorin typischen detaillierten und idyllischen Art verfasst.

Ich hatte mir von den Kurzgeschichten ehrlich gesagt mehr versprochen, fühlte mich nicht so glücklich wie in den anderen Geschichten von Marie-Sabine Roger. Trotzdem waren hier und da Juwelen versteckt, in “Freie Vögel” überraschte mich die Protagonistin, in “Es wird nie dunkel in der Stadt” bekamen wir diesen kleinen Ausblick in eine (wilde) Zukunft und in “Vic” liebte ich dieses Quäntchen gemeinen Humor. Unterm Strich sind das 3 von 5 Leseratten. Wer die Autorin neu kennenlernen möchte, sollte lieber mit “Das Leben ist ein listiger Kater” einsteigen.

“Die Küche ist zum Tanzen da” von Marie-Sabine Roger, übersetzt von Claudia Kalscheuer, erschienen im Atlantik Verlag, 192 Seiten, 18,00 € (Hardcover)

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