Drama, Fiktion

Rezension: River von Donna Milner

Mit “River” habe ich vor Kurzem eine sehr gefühlvolle und mitreißende Familiengeschichte gelesen. Ein Buch, das eines der schlichten menschlichen Dramen erzählt:

“Die Zerrüttung unserer Familie erfolgte ohne Vorwarnung. Es gab kein Ereignis im Zeitlupentempo, das man noch einmal hätte abspielen und überdenken können.”

Natalie lebt mit ihren drei Brüdern und den Eltern auf einer Milchfarm in den kanadischen Cascade Mountains. Sie führen ein arbeitsreiches aber beschauliches Leben. Doch ein Sommer verändert das Leben der Familie für immer. Natalie ist vierzehn, als “River” auf die Farm kommt. Ein junger amerikanischer Mann, der vor dem Krieg geflohen ist und nun in Canada als Hilfsarbeiter über die Runden kommen möchte. Mit seinem Auftauchen auf der Farm nehmen Geschehnisse ihren Lauf, die erst viele Jahre später einen Abschluss finden werden.

Ich lese häufig Geschichten in denen historische, politische oder soziale Probleme thematisiert werden. Dagegen ist “River” tatsächlich leichte Kost. Am Rande werden zwar Themen wie der Vietnamkrieg und die Intoleranz gegenüber Homosexuellen besprochen, im Zentrum ist “River” aber vor allem eins: ein wunderbarer Schmöker!
Hauptsächlich erzählt nämlich Natalie die tragische Geschichte ihrer Familie. Es wechseln sich dabei gegenwärtige Ereignisse mit Rückblenden in dieses ganz besondere Jahr ab. Immer wieder gehen diese beiden Erzählebenen auch nahtlos ineinander über. Eben wie ein Mensch, der sich in Erinnerungen und Erzählungen verliert. Die Geschichte wirkt dadurch ganz direkt und fesselnd, die eben angesprochenen problematischen Themen geben nur die Rahmenbedingungen für die Erzählung vor.

Alles fokussiert sich auf die Figuren und ihre Lieben und Leiden. Auffallend ist dabei der unterschiedliche Grad an Tiefe, den die Figuren bekommen. So steht Natalie natürlich im Zentrum, aber auch ihre Eltern, der Hilfsarbeiter “River” und ihr ältester Bruder “Boyer” bekommen eine detaillierte Charakterisierung. Ihnen fühlt man sich nah, ihre Erlebnisse nehmen den Leser mit. Die beiden jüngeren Brüder bleiben dagegen auffallend blass und dienen ebenso wie übrige Figuren mehr als Hilfsmittel der Erzählung. Das störte in der Handlung nicht,  der auffallende Unterschied innerhalb der Familie verwirrte mich nur zu Beginn etwas.

Mein einziger Kritikpunkt an diesem Buch ist das Übermaß an Schicksalsschlägen, das Drama scheint manchmal wirklich überhand zu nehmen. Zwar sind die Entwicklungen jeweils für sich glaubhaft, aus A folgt B, aus B folgt C, in ihrer Gesamtheit wurde es mir jedoch manchmal ein Stück zu viel, um wirklich realistisch zu bleiben. Wobei, das Schicksal nimmt auch keine Rücksicht auf “zu viel”, oder? Ein schmaler Grat.

Gut gelungen ist insgesamt trotzdem der Bogen, den das Buch schließt. Alle Fäden der Geschichte werden am Ende schön und sinnvoll verbunden. Man bekommt das Gefühl, dass tatsächlich auch aus den negativen Erfahrungen manch positives Erwachsen ist.

Sprachlich ist “River” übrigens recht unkompliziert. Flott zu lesen, trotzdem durchzogen von ausdrucksstarken Beschreibungen (vor allem der Landschaft und Personen) und einer heimeligen Atmosphäre. Ein Buch für den Sommerurlaub, mit Spannung und Herz, 4 von 5 Leseratten.

“River” von Donna Milner, übersetzt von Sylvia Höfer, erschienen im Piper Verlag, 397 Seiten, 9,99 € (Taschenbuch)

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1 Comment

  • Reply Martinas Buchwelten Juli 24, 2016 at 11:43 am

    Hallo!
    „River“ habe ich mir bei medimops bestellt, als ich den Inhalt bei Steffis Bücherbloggerei gelesen habe. Genau meins, dachte ich und deine Rezi bestätigt dies auch gleich nochmal. Schmöker ist es bei mir bei knappe 400 Seiten keiner ;), aber freuen kann ich mich schon mal auf das Familiendrama!
    Liebe Grüße
    Martina

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