Dystopie, Fiktion, Horror, Spannung

Rezension: The Stand von Stephen King

Im Original erschien “The Stand” im Jahr 1978, die ungekürzte Fassung in deutscher Übersetzung schließlich im Jahr 1990. Damit ist “The Stand – Das letzte Gefecht” ein echter King-Klassiker, aber keineswegs veraltet.

“The Stand” beschreibt die Entwicklung einer dramatischen Seuche: aus einem amerikanischen Militärlabor entkommt der Virus “Captain Trips”. Mit einer unglaublichen Ansteckungsrate von 99,4 % breitet sich der Virus rasant unter der Bevölkerung aus… und tötet. Nach der recht kurzen und sehr dramatischen Pandemie sehen sich die übriggebliebenen, immunen Teile der Bevölkerung vor dem Problem das “Danach” zu überleben. Große Teile der Technologie sind nicht mehr nutzbar, schlicht weil die Experten, welche diese Technik bedienen konnten, verstorben sind. Infrastrukturen und soziale Strukturen sind vollständig zerstört.

In “The Stand” verfolgen wir die Entwicklung dieser dramatischen Seuche, anhand der Schicksale einzelner Menschen. In wechselnden Abschnitten begleiten wir dafür einzelne Überlebende und kleine Gruppen. Es ist wirklich spannend zu verfolgen, wie die Charaktere zuerst um ihr Leben bangen, ständig befürchten Captain Trips doch noch zum Opfer zu fallen, und anschließend erkennen, dass mit der Immunität das Überleben noch längst nicht sicher ist. In typischer King-Manier werden uns die Protagonisten dabei äußerst sympathisch vorgestellt: wir leiden und hoffen mit ihnen. Extrem spannend ist dabei, wie die unterschiedlichen Charakterzüge der Figuren, sich auf ihre Entwicklung auswirken. Es entstehen interessante Konstellationen und Konflikte: freundliche, hilfsbereite Figuren geraten in Bedrängnis und reagieren mit Gewalt, gewalttätige Charaktere ziehen Vorteile aus ihrem Handeln.

Wie bei King üblich gibt es auch bei “The Stand” einzelne Horror- bzw. Fantasyelemente, in diesem Fall düstere Visionen und besondere, scheinbar übernatürliche Figuren, die das Schicksal der Überlebenden lenken und auf ein letztes Gefecht zusteuern. Einerseits sorgen diese Elemente beständig für die Zuspitzung der Handlung und steuern die Geschichte auf einen finalen Konflikt. Andererseits passten sie für meinen Geschmack nicht zur sonst recht sachlich-klaren, dystopischen Atmosphäre.

Denn vor allem im letzten Drittel des Buches werden auch spannende Fragen von Gesellschaft und sozialem menschlichen Verhalten thematisiert: brauchen wir eine Regierung? Ab welcher Größe von Gemeinschaft? Wie sollen Recht und Ordnung gehandhabt werden? Dieses “Planspiel” hat mich extrem begeistert und war wunderbar aufgebaut. Schritt für Schritt bewegt sich die Gemeinschaft der Überlebenden weiter, wird mit immer neuen Konflikten konfrontiert und löst diese. Nach meinem Geschmack fehlten spannende Aspekte wie Eigentum und Arbeitsverteilung, ich hätte gern viel mehr davon gelesen. Dennoch stellt Stephen King zielsicher Fragen über unsere Staaten und Strukturen, die mich auch nach der Lektüre noch beschäftigten.

Obwohl das Buch in der aktuellen Taschenbuchausgabe gut 1.700 Seiten stark ist, kommt keine Langeweile auf. Da wo andere Bücher sich dem Ende zuneigen, werden bei “The Stand” die Charakterbeschreibungen beendet, die Reise einzelner Figuren durch die USA zieht sich über hunderte Seiten und ist doch atemlos, kurzweilig.

Wirklich gestört haben mich nur die Abschnitte um den “Mülleimermann”, eine der skurrilen, beinahe übernatürlichen Figuren. Obwohl der Ansatz diese Abschnitte auch sprachlich vom Rest zu trennen mir gut gefiel, schienen diese Teile der Geschichte nicht zum Rest zu passen. So ging es mir teils auch mit dem düsteren Kraft in der Geschichte, die zwar als wichtiger Gegenpol und Auslöser des Kampfes zwischen Gut und Böse funktioniert, aber in seiner Ausgestaltung nicht so hundertprozentig ins Bild passte.

Für mich war “The Stand” eine wirklich lohnenswerte und mitreißende Lektüre. Von der Stärke des Buches sollte man sich da keineswegs abhalten lassen, es ist pures Leserattenfutter. Ich schwanke zwischen reiner Begeisterung und einigen Kritikpunkten durch für mich nicht ganz passende Elemente. Deswegen werden es “nur” 4 von 5 Leseratten, die Reise in die frühen Werke des King hat sich dennoch gelohnt. Seinen Stil und vor allem seine Denkweise dort schon so klar zu erkennen, ist wirklich beeindruckend. In gewisser Weise sind diese frühen Geschichten auch schmutziger und härter, als neuere Veröffentlichungen. Bücher in denen ich mich wirklich wohl fühle.

Das Buch in einem Tweets:

“The Stand – Das letzte Gefecht” von Stephen King, übersetzt von Harro Christensen, Joachim Körber, Wolfang Neuhaus, erschienen im Heyne Verlag, 1.712 Seiten, 13,99 € (eBook)

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3 Comments

  • Reply Michael Behr September 2, 2016 at 8:11 pm

    Man merkt Stellen wie denen um den Trashcanman an, dass sie ursprünglich mal auf den Boden des Schneideraums gefallen sind. Das war ja auch in der englischen Originalausgabe Ende der 70er der Fall. Ich weiß nicht, inwiefern King da sprachlich noch einmal versucht hat nachzujustieren und was dann die Übersetzung daraus gemacht hat. Aber ich bin bei dir, dass die Reise von „Müll“ schon sehr aus dem Flow der Geschichte reißt.

    • Reply Alexandra September 3, 2016 at 8:10 pm

      Ich wusste gar nicht, dass diese Abschnitte tatsächlich ursprünglich entfallen waren. Danke! Das ist wirklich spannend 🙂 Für micht wirkte es immer, als würde man in diesen Kapiteln einen Blick in ein anderes Buch werfen. Irgendwie richtig, aber eben nicht für den Rahmen, den „The Stand“ gesetzt hatte.

      Hast du einen Lieblings-King? 🙂

      • Reply Michael Behr September 3, 2016 at 8:24 pm

        Ich habe mir damals die Erstausgabe der vollständigen Fassung im Taschenbuch gekauft, da war ein Vor- oder Nachwort drin, in dem die ehedem gestrichenen Stellen bezeichnet wurden.

        Einen Lieblings-King zu benennen ist bei der Vielzahl von Romanen verdammt schwer. Als Gesamtwerk steht die Saga um den Dunklen Turm natürlich über allem anderen. Von seinem Frühwerk mag ich „Todesmarsch“ am meisten. Und in seinen neueren Romanen hat mich „Die Arena“ begeistert. Ebenfalls stark sind „Sie“ und natürlich „Es“.

        Du siehst schon, ich kann mich unheimlich gut entscheiden *lach*.

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