Erzählung, Fiktion

Rezension: Die steinerne Matratze von Margaret Atwood

Auch Margaret Atwoods neueste Kurzgeschichtensammlung “Die steinerne Matratze” war für mich wieder eine reine Freude. Ihre Geschichten sind abwechslungsreich und hängen doch gleichzeitig eng zusammen. Sie drehen sich um das ehrliche, ungeschminkte Ich aber auch um das Alter und die Literatur.

Die ersten drei Geschichten “Alphinland”, “Wiedergänger” und “Black Lady” könnten für sich schon einen kleinen Roman bilden, da die Geschichten beziehungsweise ihre Protagonisten so eng zusammenhängen. Für mich war dabei schon “Alphinland” ein Highlight. Wir lernen eine betagte Schriftstellerin kennen, für die einfachste Erledigungen des Alltags eine schwere Last sind, die durch ihre Literatur aber nach wie vor völlig frei ist. Die von ihr entworfene Welt Alphinland ist Basis für viele Bestseller, das Schreiben für sie jedoch mehr Rettung als Beruf. Wie still und sanft Margaret Atwood die Geschichte dieser Frau erzählt, hat mich beeindruckt. In wenigen Sätzen erscheint das Bild einer gebrechlichen und doch löwenstarken Frau, allein durch die kluge Beschreibung ihres Handelns.
Umso begeisterter war ich, als ich Figuren aus der ersten Geschichte auch in den folgenden beiden wiedertraf. Auch in “Wiedergänger” steht ein Schriftsteller (oder eher: Poet) im Zentrum. Anders als in der ersten Geschichte wurde dieser vom Erfolg verbittert und verstockt. Die Kontraste zwischen den Geschichten könnten nicht größer sein, die Verbindungen dennoch kaum enger. In beiden Geschichten spielt die Literatur und das Schreiben eine wichtige Rolle, ich fragte mich, ob Margaret Atwood dadurch auch über ihre eigene Beziehung zum Schreiben spricht.
Besonders spannend ist, dass in den Geschichten immer wieder ein Kontrast oder Konflikt der Figuren deutlich wird: ihr inneres Ich und das Bild, welches andere von ihnen haben, klafft manchmal Kilometerweit auseinander.

An diese drei Geschichten anschließend folgen weitere, losgelöste Erzählungen. Da ist das kurze und düstere “Lusus Naturae”, welches wie ein böses Märchen wirkt. Obwohl diese Geschichte sehr abstrakt erzählt ist, ohne Einordnungen und Namen auskommt, behandelt auch sie ähnliche Themen wie die ersten Geschichten. Es geht um das eigentliche Wesen eines Menschen, was es ausmacht und wie es seinen Lauf findet.

Die titelgebende Erzählung “Die steinerne Matratze” wiederum ist gegründet auf Überlegungen, die viele Krimileser kennen: die Frage nach dem perfekten Mord. Sie ist toll konstruiert und dazu noch in wenigen Sätzen in eine erschütternde Hintergrundgeschichte eingeordnet. Auch erzählerisch, merkt man einen deutlichen Wechsel zwischen den Geschichten. Margaret Atwood schafft es immer wieder neu, ihre Botschaft genau richtig zu verpacken. Sie ist kurz und knapp um Spannung aufzubauen, sanft und eindringlich wo es angebracht ist.

Ein bisschen schwächelnd zwischen all der Pracht scheint übrigens “Der gefriergetrocknete Bräutigam”, eine Geschichte die für mich wie ein kurzes, geschriebenes Bild wirkte. Eher der Anfang einer Geschichte, als wirklich eine vollständige Erzählung. In einer Sammlung ist es aber auch völlig normal, dass die verschiedenen Geschichten nicht jeden Leser gleich begeistern.

Insgesamt hat “Die steinerne Matratze” für mich wieder all jene Qualitäten, für die ich Margaret Atwood so liebe: ihre Geschichten sind klug und offenkundig unterhaltsam, bringen aber auch hintergründig zum Nachdenken. Jede Geschichte bietet genügend Facetten und kann auch nach mehrmaligem Lesen immer noch neue Seiten offenbaren. Für mich 5 von 5 begeisterten Leseratten.

Das Buch in einem Tweet:

 

“Die steinerne Matratze” von Margaret Atwood, übersetzt von Monika Baark, erschienen im Berlin Verlag, 304 Seiten, 20,00 € (Hardcover)

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2 Comments

  • Reply sabine November 12, 2016 at 6:05 pm

    Ahhh dann freue ich mich jetzt noch mehr auf das Buch, das liegt schon recht weit oben auf dem SUB, dauert also nicht mehr lange. Ms Atwood rocks 🙂

    • Reply Alexandra November 14, 2016 at 4:41 pm

      Jaa unbedingt! 🙂 Ich finde sie nicht immer ganz leicht zugänglich, bei „Der blinde Mörder“ brauchte ich eine kurze Aufwärmphase, aber in den Geschichten zeigt sie einfach, was sie drauf hat und man ist sofort drin. Ich liebe es 🙂

      Viele Grüße,
      Alex

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