Erzählung, Fiktion

Rezension: Die unbekannte Terroristin von Richard Flanagan

Im Moment genießt kaum etwas so große mediale Aufmerksamkeit, wie die Verfolgung von Terroristen nach Anschlägen. Neben der Wut, die aus Trauer und Verzweiflung entsteht, macht sich da auch eine gewisse Sensationsgier bemerkbar. Aber was passiert, wenn ein Mensch irrtümlich in diese Maschinerie gerät?
In “Die unbekannte Terorristin” wird die junge und recht naive Stripperin Gina Davies völlig unversehens in diese Situation hineingezogen. Nach einem One Night Stand mit einem attraktiven Fremden erkennt sie sich auf Bildern einer Überwachungskamera wieder, mit denen nach vermeintlichen Terroristen gefahndet wird. Der attraktive Fremde war ein gesuchter Terrorist und sie ist plötzlich die unbekannte Terroristin.  Schnell wird auch ihre Identität aufgeklärt und eine regelrechte Hetzjagd entbrennt.

Die Thematik des Buches ist so aktuell wie beklemmend und hat mich gerade nach den neuesten Geschehnissen interessiert. Welche Rolle spielen Medien und öffentliche Meinung in einer solchen Situation? Schön gezeigt wird der Kontrast zwischen der Berichterstattung über Gina und ihren eigentlichen Hintergründen.

Ihr Leben war nicht mehr das, was sie daraus machte, sondern das, was die anderen darüber sagten.

Leider kann das, wenn man möchte in eine ganz bestimmte Richtung gelesen werden, die mir nicht behagt. Die eigentliche Botschaft kommt nämlich viel mehr in den inneren Monologen der Protagonistin zum Ausdruck: wir machen es uns zu leicht, wir urteilen zu schnell. Diese Tatsache verkörpert die Protagonistin perfekt, war sie einmal Teil der “urteilenden Masse” und nun Opfer eben dieser Anschuldigungen.

Gegen sie, die immer der Meinung gewesen war, dass jeder, der als böse dargestellt wurde, auch tatsächlich böse war! Gegen sie, die nie in Zweifel gezogen hatte, dass die selbst ernannten Richter das Recht zu urteilen hatten.

Diese Aussage wird immer wieder deutlich, wenn im Verlauf der Handlung immer neue Fakten über Gina gefunden werden und ihre gesamte Vergangenheit umgedeutet wird. Das hat nicht (nur) etwas mit bewusster Falschmeldung zu tun, sondern auch mit der gefärbten Wahrnehmung von Fakten im Hinblick auf eine bestimmte Erwartung.

Die Spannung der Geschichte zieht sich vor allem aus der überstürzten Flucht unserer Protagonistin und der Jagd durch die Medien. Leider wirkt vieles für meinen Geschmack etwas zu konstruiert, um eine allgemeingültige Botschaft zu überbringen. Einige Aspekte der Handlung scheinen einfach nicht ganz rund zu harmonieren. So ist zum Beispiel Gina und ihre Lebenssituation, aber auch ihre Handlungen sehr speziell. Ihre teils unlogischen Reaktionen auf das Geschehen könnten entweder ziemlich authentisch wirken oder auch die daraus folgende Handlung fragwürdig erscheinen lassen.

Die Erzählweise von Richard Flanagan hat mich hingegen wirklich überzeugt. Zwar wird Gina im Buch recht penetrant immer wieder als “die Puppe” benannt, der raue Erzählton passt jedoch wunderbar zu dieser Geschichte. Die inneren Monologe der Protagonistin, ihre doch recht gefühlvollen Überlegungen bilden dazu dann einen schönen Kontrast.

Für mich war “Die unbekannte Terroristin” nicht ganz wie erwartet, aber doch eine spannende Lektüre. Ein Buch über Selbst- und Fremdwahrnehmung und das einfache Vorverurteilen anhand “offensichtlicher” Fakten.

Das Buch in einem Tweet:

„Die unbekannte Terroristin“ von Richard Flanagan, übersetzt von Eva Bonné, erschienen im Piper Verlag, 336 Seiten, 22,00 € (Hardcover)

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2 Comments

  • Reply Julia | Literameer Januar 15, 2017 at 3:26 pm

    Hallo,

    das Buch klingt total interessant und ich habe mir den Titel gerade auf die Merkliste gesetzt.

    Das Thema Terrorismus ist ja wirklich allgegenwärtig. Ich hab mich schon öfter gefragt wie es wohl ist, wenn man auf einmal jemanden von den Fahndungsbildern kennt. Von daher interessantes Thema.

    LG
    Julia

  • Reply Neu im Regal: 70 Tage Buchfasten und andere Katastrophen – The Read Pack März 10, 2017 at 7:02 pm

    […] “Die unbekannte Terroristin” von Richard Flanagan […]

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