Drama, Fiktion

Rezension: Ein wenig Leben von Hanya Yanagihara

Wenn von Hanya Yanagiharas “Ein wenig Leben” die Rede ist, heißt es wirklich überall “Sie werden über dieses Buch sprechen wollen”. Mir persönlich fällt das allerdings extrem schwer, obwohl es doch eigentlich meine Leidenschaft ist. Ich will es trotzdem versuchen.

“Ein wenig Leben” erzählt die Geschichte einer Freundschaft zwischen vier Männern beginnend in ihrer Collegezeit bis hinein in ihr reifes Erwachsenenleben. Wir lernen Jude, JB, Willem und Malcom kennen. Vier ebenso grundverschiedene wie eng verbundene junge Männer. Schnell wird klar, dass Jude das stille Zentrum dieser Gruppe ist. Obwohl die Freunde eint, dass sie hoch hinaus wollen, kreativ und mutig sind, spürt man bei bei Jude eine ganz andere Dringlichkeit und Bedürftigkeit.

Wann überschritt man beim Verfolgen seiner Träume und Ziele die Linie zwischen tapfer und töricht?

Hanya Yanagihara ist einfach eine großartige Erzählerin. Ihr Stil ist unglaublich knapp und prägnant, aber gleichzeitig sehr detailliert und bildhaft. Die ersten dreihundert Seiten des Romans habe ich quasi in einem Atemzug verschlungen. Wie gefühlvoll die vier Freunde vorgestellt werden, hat mich wirklich begeistert. Sie wirken von Beginn an lebendig und liebenswert, mit all ihren Sorgen, Selbstzweifeln und Wünschen. Im Verlauf der Handlung treten später leider alle Charaktere immer weiter in den Hintergrund, bis nur noch Jude auf der Bühne zu stehen scheint. Seine Gefühle, seine Vergangenheit und Gegenwart werden umso genauer analysiert und seziert.

Der Roman spielt mit wechselnden Perspektiven und lässt in den Kapiteln die Freunde, aber aber auch wichtige Begleiter ihres Lebensweges zu Wort kommen. Zu Beginn sind es die Freunde, die über Jude sprechen und sein verschlossenes und verletztes Wesen damit toll charakterisieren. Das hat mir gut gefallen, tatsächlich fiel es mir schwer, als später auch Judes Sicht ins Spiel kam. Trotz des Perspektivwechsels schien mir sein Charakter so distanziert und undurchdringlich.

Der Roman stellt die Frage, wie viel ein Mensch ertragen kann. Im Verlauf der Handlung erfahren wir dafür Stück für Stück immer mehr über Judes traumatische Vergangenheit. Es waren viele kleine Details, Gedanken und Beobachtungen, die dabei authentisch wirkten und dem Drama eine erschreckende Realität verliehen. Leider wurde mir die Übertreibung und Wiederholung irgendwann dennoch zu groß. Als müsste mir, dem Leser, wirklich ganz, ganz deutlich gemacht werden, wie kaputt Jude wirklich ist. So seltsam das klingt, aber durch die Eintönigkeit der “Schicksalsschläge” ging bei mir jedes Mitfühlen und Mitleiden verloren. Die Handlung versinkt immer mehr in Drama und Gewalt, es fühlt sich regelrecht schmutzig an. Selbst der Titel des Buches, der so poetisch und schön klingt, bekommt später einen schalen und bösartigen Beigeschmack, trotz aller Kritik ein wirklich spannender Zug.

Ich habe die Lektüre wirklich genossen, aber doch auch immer mehr die Verbindung zu den Figuren verloren. Nicht nur im Schlechten, auch im Guten wurde mir irgendwann alles zu viel. So extrem und grausam Judes Leben ist, so edelmütig und großherzig sind seine Freunde und Begleiter. Alle opfern sich für ihn auf, werfen ihm ohne Zögern ihr Herz und Leben vor die Füße. Das ist eine schöne Darstellung von Freundschaft, zeigt wie wertvoll Freunde sind und ist mir doch ein zu großes Kontrastprogramm zur restlichen Handlung.

“Ein wenig Leben” lässt mich etwas ernüchtert zurück: vom anfänglichen Rausch bleibt die Begeisterung über den wunderbaren Erzählstil der Autorin und eine große Ermüdung im Hinblick auf die Entwicklung der Geschichte. Ich habe das Buch gern gelesen, kann mich aber darin einfach nicht so verlieren wie andere Leser.

“Ein wenig Leben” von Hanya Yanagihara, übersetzt von Stephan Kleiner, erschienen im Hanser Literaturverlag, 957 Seiten, 28,00 € (Hardcover)

Tolle Rezensionen zum Buch gibt es auch bei pinkfisch.net (große Begeisterung!) und buzzaldrins.de (geteilte Skepsis). Schaut auch dort mal rein!

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8 Comments

  • Reply Jürgen Albers (@dr_juergen) Februar 18, 2017 at 4:41 pm

    Vielen Dank, Alexandra, für diese sehr informative und ausgewogene Rezension. Gerade bei Büchern, die eher mit stürmischer Begeisterung gehypt werden, ist eine abgewogene Bewertung erfrischend. 1:1-Verlagswerbung kann ich auch andernorts lesen 😉 Ich weiß wieder einmal, warum ich immer wieder gern hierher zu Eurem Blog zurückkomme.
    Liebe Grüße, Jürgen

    • Reply Alexandra Februar 20, 2017 at 5:49 pm

      Hallo Jürgen,
      es freut mich dass mein „für und wieder“ doch gut weg kommt. Manchmal sind diese Rezensionen ja so wenig hilfreich, weil sie im Guten wie im Schlechten alles bedeuten können, aber hier war es einfach das was diese intensive Lektüre bei mir zurückgelassen hat. Ich finde das Buch ist zu vielschichtig für ein einfaches „klasse!“ oder „Mist!“.
      Liebe Grüße
      Alexandra

  • Reply Julia aka Leselust Februar 18, 2017 at 5:21 pm

    Eine tolle Rezension. Ich liebe die Beschreibung vom anfänglichen „Rausch“ bis zur „Ermüdung“. Da kann ich mich gleich einfühlen, wie du dich als Leser gefühlt hast.
    Das Buch steht auf meiner Wunschliste und ich schaue der Lektüre (jetzt) mit gemischten Gefühlen entgegen.
    Liebe Grüße

    • Reply Alexandra Februar 20, 2017 at 5:51 pm

      Liebe Julia,
      Danke für deinen Kommentar! Es ist ganz wichtig, dass du dir trotzdem deinen eigenen Eindruck vom Buch machst. Ich glaube egal in welches Lager du dich schlägst, du wirst nicht bereuen es gelesen zu haben. Da bin ich mir ziemlich sicher.
      Vielleicht bist du ja auch eine Leserin, die dieser Rausch weiter trägt und die sich darin wirklich verlieren kann. Ich wünsche dir so oder so ganz viel Freude bei der Lektüre.
      Liebe Grüße
      Alexandra

  • Reply NNIN Februar 18, 2017 at 5:25 pm

    Hallo!
    Interessante Rezi.
    Als ich den Inhalt las, dachte ich: Na ja, hundertplusxmal gelesen, aber vielleicht was Neues. Kam mir aber nicht so vor. Und dann der Hammer: Über 950 (neunhundertfünfzig!!!) Seiten! Da haben wirklich gute Literaten ganze Welten reingepackt (immerhin gabs ja mal eine Zeit, in der Romane nach „Welthaltigkeit“ gewertet wurden, und das war ganz bestimmt nicht die schlechteste Zeit der Literatur.)
    Danke für Rezi, trotzdem.
    NNIN

    • Reply Alexandra Februar 20, 2017 at 5:53 pm

      Hallo NNin!
      Ich glaube trotz der überschaubaren Handlung beinhaltet auch „Ein wenig Leben“ eine ganze Welt. Es ist komplex und geht an vielen Stellen auch in die Tiefe. Die von mir thematisierten Übertreibungen und Wiederholungen können ja vielleicht auch als stilistisches Mittel gesehen und dann ganz toll gefunden werden. Ich glaube keine zwei Leser werden hier das gleiche Buch lesen, das gleiche in die Geschichte hineininterpretieren…
      Viele liebe Grüße
      Alexandra

  • Reply Sommermaedel22 Februar 19, 2017 at 12:51 pm

    Hallo 🙂

    Ich habe schon viel von diesem Buch gehört/gelesen, alle waren durchweg von diesem Buch begeistert, aber deine Rezension macht mich neugierig auf dieses Buch, denn ich möchte mir unbedingt dann doch eine eigene Meinung dazu bilden.

    Liebe Grüße und einen schönen Sonntag
    Corinna

    • Reply Alexandra Februar 20, 2017 at 5:54 pm

      Hallo Corinna,
      ich freu mich, wenn du jetzt auch Lust hast dir eine eigene Meinung zum Buch zu bilden. Ich glaube das ist bei diesem Buch so wichtig wie bei wenigen anderen. Ich glaube wirklich das Buch kann polarisieren, von großer Begeisterung hin zu großer Abneigung ist alles dabei und sogar alles ein bisschen gerechtfertigt.
      Ich wünsche dir ganz viel Spaß bei der Lektüre!
      Viele liebe Grüße
      Alexandra

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