Erzählung, Fiktion

Rezension: Das Nest von Cynthia D’Aprix Sweeney

“Das Nest” ist kein Buch über Vogelkunde sondern über das metaphorische weiche Nest einer Familie, das plötzlich in Gefahr gerät. Die Geschwister Melody, Jack, Bea und Leo stehen mitten im Leben und warten doch sehnsüchtig auf die Auszahlung ihrer großen Erbschaft. Diese Erbschaft, genannt “das Nest”, ist es, was ihnen Wärme, Schutz und die Lösung all ihrer Probleme verheißt.
Als wir im Studium das Erbrecht behandelten, lernten wir, dass bei Geld die Freundschaft beziehungsweise Verwandtschaft aufhört und auch vom Erblasser gut gemeinte Festlegungen zu erbitterten Streitigkeiten führen können. Genau so kommt es auch in diesem Buch. Durch “ungünstige” Entwicklungen schrumpft das Nest beträchtlich zusammen, die Geschwister merken, dass ihre jeweiligen Erbteile in Gefahr sind und der Kampf ums Geld beginnt.

Ursprünglich hatte ich die Geschichte ganz anders erwartet: “Das Nest” ist zwar humorvoll, aber keine Komödie und auch die Kämpfe um das heiß ersehnte Erbe sind viel hintergründiger als gedacht. In diesem Buch wird nicht mit dem Holzhammer erzählt, sondern ganz fein und eher leise.

Die unterschiedlichen Lebenssituationen der Geschwister, die Träume und Sehnsüchte die von ihnen mit dem Nest verbunden werden, sind toll beschrieben. Wie sie vor völlig verschiedenen Problemen stehen aber doch alle irgendwie in Untätigkeit verharren, weil sie sich die Lösung ihrer Probleme “von außen” wünschen, hat mich begeistert.
Dabei hat die Autorin die verschiedenen Charaktere toll herausgearbeitet: vom kämpferischen Jack, der die Situation dann doch irgendwie beherrschen möchte, über die kindlich-weinerliche Melody, die sich in ihr Schicksal ergibt und auf das beste hofft, ist die ganze Bandbreite der Gefühle vertreten.

In wechselnden Perspektiven springen wir im Buch zwischen den Charakteren hin und her, lernen ihre Sorgen um das Nest aber auch ihren inneren Antrieb und einige Nebenschauplätze kennen. Das bietet einerseits eine tolle Fülle an Gedanken und Ideen, kleinen und großen Dramen, ist aber andererseits manchmal zu viel des Guten. Dadurch dass einige Themen nur gestreift werden können, kamen mir manche Handlungsteile zu kurz. Das war Schade, hätte ich doch einige Passagen gern noch weiter verfolgt. Die Autorin versteht es nämlich wunderbar, in allen Handlungssträngen für Konflikte und Spannung zu sorgen. Dadurch wirken die einzelnen Anekdoten nie nebensächlich, sondern sind für den Moment immer der Mittelpunkt der Aufmerksamkeit.

Wer Bücher wie “Eine fast perfekte Familie” von Meg Mitchell Moore mag, wird sich auch in “Das Nest” wohlfühlen. Es ist ein Buch über Familie und darüber, wie wir Herausforderungen angehen, wenn der Plan in unserem Leben, das sichere Nest, ins wanken gerät. Dann kann man den Kopf in den Sand stecken oder die Ärmel hochkrempeln und weitermachen!

Für mich ein schöne, abwechslungsreiche Geschichte und echte Überraschung, 4 von 5 Leseratten.

“Das Nest” von Cynthia D’Aprix Sweeney, übersetzt von Nicolai von Schweder-Schreiner, erschienen im Klett-Cotta Verlag, 416 Seiten, 19,95 € (Hardcover)

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1 Comment

  • Reply Nanni Oktober 29, 2016 at 9:50 pm

    Hach, ich freue mich schon darauf das Buch bald zu lesen. Ich habe es schon vom großen Bücherregal ins Next-Read-Regal im Schlafzimmer geräumt und muss jetzt eigentlich nur noch Zeit zum Lesen finden.
    „Eine fast perfekte Familie“ mochte ich übrigens auch sehr gern.

    Viele liebe Grüße,
    Nanni

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