Dystopie, Erzählung, Fiktion, Jugendbuch

Rezension: Die Verlassenen von Tom Perrotta

Im Moment liebe ich Bücher, die sich mit ganz besonderen Gedankenexperimenten beschäftigen, eines davon ist “Die Verlassenen” von Tom Perrotta.
In der Geschichte verschwinden auf der ganzen Welt plötzlich Menschen spurlos. Tausende lösen sich quasi in Luft auf, der Grund ist völlig unklar. Was darauf folgt ist sozusagen eine kollektive Trauer. Der Zustand des Verlusts, den sonst einzelne Personen und Familien durchleben, trifft ganze Städte und Gemeinschaften zur gleichen Zeit. Die Zurückgelassenen gehen völlig unterschiedlich mit dieser Situation um: Familien zerbrechen, manche Menschen suchen Heil in neuen Sekten und viele versuchen schlicht eine neue Ordnung in ihr Leben zu bringen.

Es hat mich während der Lektüre völlig fasziniert zu verfolgen, wie die unterschiedlichen Reaktionen der Verlassenen mit der Katastrophe ausfallen. Menschen, die quasi nur am Rande von dem Phänomen betroffen waren, werden emotional völlig aus der Bahn geworfen, lassen alles hinter sich. Andere, welche auf einen Schlag ihre gesamte Familie verloren haben, versuchen wieder im Alltag Fuß zu fassen. Hinter allem stand für mich die große Frage: Wie geht der Einzelne aber auch eine Gesellschaft mit Trauer und Verlust um? Dabei haben in der Geschichte besonders der religiöse Wahn und plötzlich erstarkende Sekten ein starkes Gewicht.
Das Buch hat sich für mich zum absoluten Pageturner entwickelt, weil die Schicksale der beschriebenen Charaktere so eine interessante Dynamik entwickeln. Interessant ist, dass die Frage nach dem “Warum” nur ganz am Rande gestellt wird. Die Erklärungsversuche der Menschen bleiben schwach, einige glauben an die biblische Entrückung, andere stehen dem Ganzen nur sprachlos gegenüber. Trotzdem konnte ich mich in die gestellte Situation sehr gut einfinden und die daraus resultierenden Überlegungen wirklich genießen. Nein, das Buch ist nicht “spannend” in dem Sinne, das die beschriebene Katastrophe eine klassische dystopische Szenerie hervorruft. Es gibt keine Zombies, keine Plünderungen und Anarchie. Trotzdem sind die Schicksale und beschriebenen gesellschaftlichen Entwicklungen spannend zu verfolgen.

Ich weiß nicht, ob ich in das Buch zu viel hineininterpretiere, aber es hat bei mir während der Lektüre spannende Gedanken zu Beziehungen, Liebe und Trauer ausgelöst. Wie sehr definieren wir uns über die Bindungen in unserem Leben, wo stehen wir ohne bestimme Menschen? Wie könnten wir nach einem solch einschneidenden Erlebnis einen neuen Platz im Leben finden?  Eine schwierige Vorstellung…

Manchmal waren die Entwicklungen im Buch für meinen Geschmack zu extrem, einzelne Charaktere scheinen das Pech gepachtet zu haben. Das mag übertrieben wirken, könnte aber auch ein gezielter Schachzug sein, immerhin nimmt das Schicksal ja normalerweise auch wenig Rücksicht auf Wahrscheinlichkeiten. Die im Buch daraus resultierenden Entwicklungen waren in sich jedenfalls zumeist logisch.

Für mich war “Die Verlassenen” eine ungewöhnliche und spannende Lektüre, kein hoch philosophisches Werk und trotzdem der Auslöser für viele spannende Überlegungen, davon hätte ich gerne mehr, 4 von 5 Leseratten.

“Die Verlassenen” von Tom Perrotta, übersetzt von Jan Schönherr, erschienen im Heyne Verlag, 446 Seiten, 9,99 € (Taschenbuch)

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