Drama, Erzählung, Fiktion

Rezension: Nussschale von Ian McEwan

Leider besteht auch bei Lieblingsautoren keine Garantie ein Buch zu mögen. Die Wahrscheinlichkeit ist zwar grundsätzlich vielleicht ein bisschen höher, aber am Ende muss die Geschichte überzeugen oder nicht. So ist das nun mal. Bei Ian McEwans neuestem Buch habe ich dies wieder einmal ganz deutlich gespürt. “Nussschale” hat mich natürlich sehr interessiert, konnte mich erzählerisch aber leider nicht so richtig überzeugen.

Dabei ist die Grundidee ganz wunderbar skurril: in “Nussschale” erzählt ein ungeborener Säugling die Geschichte von der Affäre der Mutter und einem Komplott gegen den Vater. Das Kind ist als stiller Beobachter, oder besser Belauscher, immer anwesend und denkt sich seinen Teil zum Geschehen. Natürlich hat McEwan seinen kleinen Erzähler nicht als typisches Kleinkind erschaffen, sondern als altklugen, böse ironischen Kommentator des Lebens der Erwachsenen. Wenn man es nicht besser wüsste, würde man meinen die Mutter ist mit einem alten Mann schwanger, der seine Meinung auch mal überheblich meckernd kundtut.

Diese Erzählweise hat mich zu Beginn noch schwer begeistert. Es ist einfach amüsant zu lesen, wie das Kind die Mutter nachts mit Tritten weckt, um sie dazu zu bringen die interessanten Radiosendungen anzuschalten. Der Bildung wegen. Durch diese Erzählweise entsteht ein toller Kontrast zum Erzähler und dessen kurioser Perspektive. Das ist streckenweise einfach herrlich lustig.
Leider nahmen mir im Verlauf der Geschichte die altklugen Kommentare und das philosophieren des Kindes über die Welt einen zu großen Stellenwert ein. Da bleibt wenig Platz für anderes, die übrigen Figuren und der Spannungsbogen der Handlung blieben dahinter zurück.

Zwar waren die Gedanken des Kindes ganz anregend zu lesen und eine spannende Metapher auf Egoismus und die Angst eines Individuums vor der Gesellschaft (oder besser gesagt dem Verlust des “ich” in der Gesellschaft) wirklich flüssig fügte sich das für meinen Geschmack aber eben nicht in die Gesamtkomposition ein. Vielleicht waren diese Abschnitte für mich persönlich aber auch weniger begeisternd, weil sie immer wieder Bezug auf Shakespeares “Hamlet” nehmen, das auch nicht gerade zu meinen liebsten Stücken gehört.

Für mich war “Nussschale” daher eines dieser Bücher das man der tollen Idee wegen gelesen haben kann, aber nicht muss. Mittelmäßige 3 von 5 Leseratten.

“Nussschale” von Ian McEwan, übersetzt von Bernhard Robben, erschienen im Diogenes Verlag, 288 Seiten, 22,00 € (Hardcover)

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3 Comments

  • Reply Juliane Januar 28, 2017 at 7:44 pm

    Das klingt ja ziemlich ernüchternd.. ich bin auch Fan von Ian McEwan – aber seine Bücher sind ja immer sehr eigen. So wirklich verführerisch klingt die Inhaltsbeschreibung auch nicht, ich werde es wohl gar nicht erst anlesen. Welche sind deine Lieblinge von ihm?

    Liebe Grüße
    Juliane

    • Reply Alexandra Februar 5, 2017 at 9:12 pm

      Hallöchen!
      Also mich hat ja McEwan mit „Solar“ total begeistert. Ganz anders als „Zementgarten“ aber auch ziemlich genial, es gibt einen irgendwie charmant seltsamen Antihelden und wieder einige Verwicklungen.
      Außerdem natürlich der Klassiker von McEwan (neben „Zementgarten“) den du lesen solltest: „Abbitte“, da ist die Erzählweise viel klassischer, aber am Ende wartet eine tolle Überraschung 🙂

      Viele Grüße aus dem Rattenbau,
      Alexandra

  • Reply Stefan Februar 5, 2017 at 2:05 pm

    Puuh…. Also ich habe ja „Zementgarten“ geliebt aber seitdem finde ich irgendwie nicht mehr so recht den Zugang zu McEwan.

    „Nussschale“ wird es also auch nicht werden. Vielleicht hast Du einen anderen Lesetipp für mich, der meine Faszination wiederbelebt? 🙂

    LG
    Stefan

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