Drama, Fiktion

Rezension: Niagara von Joyce Carol Oates

Es lohnt sich Bücher abseits des Mainstream und der Neuerscheinungen zu lesen. Wirklich! Auf meinen Streifzügen durch die Backlist der Verlage bin ich zum Beispiel auf “Niagara” von Joyce Carol Oates gestoßen und habe damit ein tolles Buch entdeckt.

Wer einmal an den Niagarafällen gestanden hat, wird sich ihrer Magie nicht entziehen können. Sie üben eine große Faszination und düstere Begeisterung aus. Auch viele völlig gesunde und glückliche Menschen verspüren manchmal einen kurzen Moment lang den Drang, sich in die tosenden Fluten zu stürzen. Sich der Macht der Fälle zu übergeben. In “Niagara” wird die Geschichte einer Frau erzählt, die gleich zwei Mal im Wasser der Niagarafälle ihre Ehemänner verliert. Zuerst stürzt sich kurz nach der Hochzeit ihr junger Bräutigam in den Tod, später gerät auch ihr zweiter Mann auf mysteriöse Weise in die Fälle.

Die in den 1950er Jahren angesiedelte Geschichte erzählt einerseits ein klassisches Familiendrama, andererseits aber auch eine spannende Geschichte über gesellschaftliche Abgründe. Dabei ist die volle Wucht dieser Erzählung ist zunächst kaum zu ahnen: die Handlung beginnt mit dem Drama des in den Tod gestürzten Ehemanns und emotionalen Verwicklungen der Eheleute. Da die Figuren so interessant und facettenreich beschrieben sind, meint man es werde eine reine Familien- und Liebesgeschichte werden. Immerhin bieten beide Charaktere eine Menge ungelöster Konflikte.
Im Verlauf des Buches werden aber immer mehr gesellschaftliche Themen in die Handlung eingewoben. Es geht um Selbstbetrug, Ehrgeiz und Macht oder Machtlosigkeit. Es wird gezeigt, welch scharfe Klippen eine Gesellschaft manchmal trennen: die, die wirklich alles haben, von denen, die sich mit allem zufriedengeben müssen.

So entwickelt sich eine wirklich mitreißende aber eben auch nachdenkliche Geschichte, die mich völlig in ihren Bann ziehen konnte. Erst habe ich bei den menschlichen Dramen innerhalb der beschriebenen Familie mitgefiebert. Die gekränkten Eitelkeiten, die Sehnsüchte und Leidenschaften bieten eine große emotionale Bandbreite und konnten mich richtig begeistern. Später war es aber vor allem die Geschichte der kleinen Stadt am Rande der Niagarafälle und ihrer verzweifelten Einwohner, die mich wirklich berührt hat.

Dazu trug auch die tolle Erzählweise der Autorin bei: obwohl die ersten Zeilen etwas sperrig wirkten, schafft sie es später so eingängig über Personen und das Geschehen zu berichten, dass man fast irgendwie danebensteht. Ihre Figuren wirken lebendig und voll Ecken und Kanten, mit ihren inneren Konflikten und ihrer Zerrissenheit habe ich mitgelitten.

Für mich ist “Niagara” eine gelungene Lektüre. Unterhaltsam ohne leer zu sein, mit tollen Ideen aber auch klassischen Elementen eines richtig guten Dramas. Für mich sind das 5 von 5 Leseratten, ich habe einfach nichts zu meckern.

P.S. Die Protagonistin der Geschichte ist oft nicht wirklich “sympathisch”, aber für mich ist Sympathie kein Gradmesser für die Figuren einer Geschichte. Sie müssen glaubhaft und echt sein, all das wird hier mehr als gut erfüllt. Da darf sie gern auch ein bisschen gemein sein…

Das Buch in einem Tweet:

 

“Niagara” von Joyce Carol Oates, übersetzt von Silvia Morawetz, erschienen im Fischer Verlag, 576 Seiten, 9,99 € (Taschenbuch)

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