Erzählung, Fiktion

Rezension: Die Klatschmohnfrau von Noëlle Châtelet

Es gibt Bücher, die sind einfach unwiderstehlich. “Die Klatschmohnfrau” von Noëlle Châtelet zählt definitiv dazu. Das verführerische an dieser kleinen Geschichte ist ihre Farbigkeit. Völlig unvermittelt stürzt man als Leser in eine Erzählung, die vor Farbe, Lebensfreude und Empfindungen sprudelt.

Denn die pure Lebensfreude ist es, worum sich alles in diesem Buch dreht. Die Lebensfreude einer gar nicht mehr jungen Protagonistin, die klischeehaft gesprochen ihren “zweiten Frühling” erlebt. Dabei ist es vielleicht auch ihr Erster. Denn Marthe ist siebzig und plötzlich verliebt. Fast fünfzig Jahre war sie eher zweckmäßig mit Edouard verheiratet, nach seinem Tod die pflichtschuldige Witwe. Nun plötzlich hat sie ein Mann mit tausend farbigen Halstüchern schier um die Finger gewickelt. Marthe möchte kein graues Leben mehr führen, sondern eins in Klatschmohnrot!

Ich habe dieses Buch “nur mal eben” anlesen wollen und habe es stattdessen am Stück verschlungen. Das kann wohl einerseits mit dem geringen Umfang des Büchleins zusammenhängen (nur 176 Seiten sind es), andererseits hängt es jedoch definitiv an der Art, wie mich Marthe verzaubert hat. Immer wieder kämpfen in ihrem Herzen die gewohnten Pfade und üblichen Konventionen gegen Sehnsüchte und wilde Ideen. Statt Seniorenbeige muss das Schlafzimmer in sattem Rot strahlen, statt dem üblichen ruhigen Abend hat sie Verabredungen in der Stadt.

Eigentlich ist “Die Klatschmohnfrau” kein großer, sensationeller Roman. Es passiert recht wenig und eigentlich ganz viel Alltägliches, manches ist sogar ein kleines bisschen vorhersehbar. Trotzdem ist er so bewegend. Denn auch mit 29 statt 70 Jahren, kann ich viele von Marthes Gedanken verstehen. Ihre Gier nach Leben und Gefühl, ihr Wunsch nach Lebendigkeit sind wunderschön beschrieben und gingen mir so ins Herz. Viel zu oft akzeptiert man graue, eintönige Tage.

Ein bisschen ist “Die Klatschmohnfrau” wie ein kuscheliger Lieblingsfilm für verregnete Abende. Es muss nicht immer das ganz große Kino sein, um uns ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern.

“Die Klatschmohnfrau” von Noëlle Châtelet, übersetzt von Uli Wittmann, erschienen im Kiepenheuer & Witsch Verlag, 176 Seiten, 8,99 € (Taschenbuch)

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1 Comment

  • Reply Leselaunen August 22, 2017 at 9:39 am

    Das Buch sagt mir noch gar nichts. Da ist es immer wieder schön, auf Neues aufmerksam gemacht zu werden. Und wenn es dann noch so gut ankommt, umso besser.

    Neri, Leselaunen

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