Drama, Fiktion

Rezension: The Hate U Give von Angie Thomas

Das furchtbar gemeine an Hypes ist ja, dass die gehypten Bücher nach dem Sturm der Begeisterung und allgemeinen Euphorie die Erwartungen des einzelnen Lesers kaum noch erfüllen können. Es muss schließlich ein wahnsinnig gutes Buch sein. Ein richtig wahnsinnig gutes Buch. Wären sonst alle anderen so begeistert gewesen?

Ja und nein.

Einerseits können die Leser, die das Buch entdecken und den Hype “auslösen” (ja, ich weiß dass auch ein gewisses Maß an Verlagsarbeit dazugehört) das Buch noch deutlich unvoreingenommener erleben und genießen. Andererseits heißt natürlich die Begeisterung des Einen nicht, dass auch der nächste Leser ebenso begeistert sein wird. Dieses Risiko gehen wir mit unseren Rezensionen immer ein. Ich empfehle nach bestem Wissen und Gewissen eine Geschichte, ob meine Leser meine Einschätzung immer teilen, kann ich nur vermuten.

Warum die lange Vorrede?

Ich habe “The Hate U Give” gern gelesen, aber die allgemeine Euphorie blieb bei mir aus.

Es ist ein Buch mit einer wichtigen und aktuellen Thematik, interessanten Charakteren und einem halbwegs brauchbaren Spannungsbogen. Als aufrüttelnd und erschütternd habe ich es nicht empfunden, obwohl die Handlung einige Erschütterungen bereithält.

Es geht um Polizeigewalt, Vorverurteilung und Rassismus. Die 16-jährige Starr erlebt, wie ihr Freund Khalil bei einer eigentlich ganz alltäglichen Verkehrskontrolle von einem Polizisten erschossen wird. Starr und Khalil sind schwarze Jugendliche aus einem verarmten Viertel, in dem Gewalt und Drogen an der Tagesordnung sind. Khalils Tod die Folge einer so einfachen wie falschen Rechnung: weil er ein Schwarzer ist und aus dieser Gegend kommt, muss er ein Thug sein. Ein kleiner Gangster.

Die Handlung ist angelehnt an die Vielzahl von realen Begebenheiten, die uns in den amerikanischen Medien immer wieder begegnen. Gerade deshalb habe ich mir viel von diesem Buch versprochen. Ich wollte verstehen. Wieso kommt es immer wieder zur Gewalt von Polizisten gegen Schwarze? Warum hält sich dieser institutionalisierte Rassismus?

Aber obwohl im Buch toll die Sicht von Starr beschrieben wird, fehlten dafür ein wenig die Hintergründe. Versteht mich nicht falsch: ich war begeistert wie normal und nachvollziehbar Starrs Reaktionen dargestellt werden, wie bewegend auch Khalils Hintergründe und Beweggründe für seine Entwicklung erklärt wurden. Mir fehlte auch keine “weiße Perspektive” (völliger Quatsch, wer so etwas bei diesem Buch sucht, hat das Thema wohl nicht verstanden). Aber für meinen Geschmack blieben einige Fragen offen.

Ein wenig zweifle ich auch an der Darstellung der Hauptfiguren rund um Starr. Ihre Familie wurde mir manchmal zu sehr wie die Huxtables aus der “Bill Cosby Show” dargestellt. Trotz des harten Lebens und einiger extremer familiärer Verwicklungen waren mir zeitweise alle zu pädagogisch wertvoll, verständnisvoll und konsequent. Natürlich sind es gerade entgegen des allgemeinen Ghetto-Klischees normale Leute, aber mir war das alles manchmal fast ein bisschen zu perfekt.

Es gibt viele gute Gründe dieses Buch zu mögen und noch mehr gute Gründe es zu lesen. Es macht Sinn sich mit diesen Themen inhaltlich zu beschäftigen und auch erzählerisch ist dieser Roman wirklich in Ordnung. Für die ganz große literarische Offenbarung fehlte mir leider noch ein wenig Tiefe,  mehr Ecken und Kanten.

Weil ich jetzt die vielen guten Seiten ein wenig zu kurz kommen lasse, solltet ihr einen Blick auf folgende Rezensionen werfen:

Merken

 

“The Hate U Give” von Angie Thomas, übersetzt von Henriette Zeltner, erschienen im cbt Verlag, 512 Seiten, 17,99 € (Hardcover)

Previous Post Next Post

4 Comments

  • Reply Leselaunen August 26, 2017 at 10:28 pm

    Oh man, ich lese nur Gutes von diesem Buch. Kein Wunder, bei der wichtigen Thematik. Ich muss es auch lesen.

    Neri, Leselaunen

  • Reply -Leselust Bücherblog- August 27, 2017 at 12:38 pm

    Zuerst einmal muss ich deiner Einschätzung zu Hypes absolut zustimmen. Ich habe „THUG“ auch gelesen und war auch nicht so vollkommen begeistert, wie viele andere Leser. Ob das an den (durch den Hype ausgelösten) zu hohen Erwartungen lag, oder mir das Buch auch so nicht ganz so gut gefallen hätte weiß ich natürlich nicht. Aber eine Rolle haben die vielen positiven Rezensionen im Vorfeld wahrscheinlich schon gespielt.
    Diese Rezension zu dem Buch gefällt mir sehr gut. Vielen Dank für die differenzierte Darstellung und den kritischen Blick. Gerade bei so „Hype- Büchern“ ertappe ich mich manchmal dabei, dass ich beim Lesen denke „Wieso gefällt dir das nicht so gut. Alle anderen finden es doch so toll.“. Und dann traue ich meinem eigenen Urteil nicht mehr so recht. Was natürlich eigentlich Quatsch ist. Aber gerade deshalb finde ich es so gut, auch zu sehr gefeierten Büchern ein paar kritischere Stimmen zu hören.
    Lange Rede kurzer Sinn: Ich finde, deine Rezension trifft den Kern des Buches und spiegelt zumindest meine Leseerfahrung sehr gut wider.
    Liebste Grüße, Julia

  • Reply Martinas Buchwelten August 31, 2017 at 7:02 pm

    Hallo!
    Auch bei mir hat „THUG“ keine 5 Sterne bekommen, da mir ebenfalls etwas fehlte….zum beispiel mehr über das Gerichtsurteil und ein kleiner Einblick dazu. Sicherlich ist es ein Jugendbuch und ich halte es auch für sehr wichtig, dass es gelesen wird, aber die hype darum kann ich nicht ganz verstehen. Trotzdem empfehle ich es auch für die Altersklasse weiter, für die es schlussendlich geschrieben wurde.
    Du kannst auch gerne meine rezi dazu lesen, wenn du möchtest:
    http://martinasbuchwelten.blogspot.co.at/2017/08/the-hate-u-give-angie-thomas.html

    Liebe Grüße
    Martina

  • Reply El Tragalibros - der Bücherwurm: Blog über Literatur Oktober 17, 2017 at 6:02 pm

    […] | The Read Pack | Tasmetu | Brösels […]

  • Leave a Reply

    %d Bloggern gefällt das: