Dystopie, Erzählung, Fiktion

Literarisches Speeddating 01: schöner Scheitern

Wer diesen Blog schon eine Weile liest oder mich aus den verschiedenen literarischen Gesprächen kennt, weiß, dass ich Bücher nur äußerst ungern abbreche. Eigentlich möchte ich jedem Buch die Chance geben mich doch noch zu überzeugen. Manchmal wartet der große Clou vielleicht doch noch auf den letzten Seiten und eine Geschichte verdient einfach meine Geduld.

Nun, vielleicht ist Geduld genau der springende Punkt. In meinen Jahren als begeisterte und ausdauernde Leserin, bin ich ungeduldiger und kritischer geworden. Eine Geschichte muss auf den Punkt kommen. Das heißt nicht, dass ich nicht auch ruhige und langsame Geschichten genießen kann. Nur ziellos dürfen sie nicht sein, müssen mich mitreißen können.

Da ich immer mehrere Bücher parallel lese, passiert es nun also immer häufiger, dass Bücher auf dem Stapel meiner aktuellen Lektüre immer weiter nach unten wandern und schließlich gar nicht mehr zur Hand genommen werden. Früher hätte ich diese Titel dann vermutlich noch einmal ganz von vorn begonnen und mich “durchgekämpft”. Aber wozu? Lesen ist meine Leidenschaft, soll mich inspirieren und begeistern. Wenn ein Buch es nötig macht, dass ich gegen die Unlust es zu Lesen ankämpfen muss, scheint es nicht zu meiner Leidenschaft zu passen.

Also lasse ich diese Bücher nun ziehen. Aber damit auch ihr seht, welche Titel mich in den letzten Wochen (und Monaten!) beschäftigt haben und warum sie für meinen Geschmack nicht geeignet sind, möchte ich sie euch in unregelmäßigen Abständen, hier in einem literarischen Speeddating vorstellen. Von diesen Büchern habe ich in der Regel ein Drittel oder sogar die Hälfte gelesen und mich viele Stunden mit ihnen beschäftigt. Trotzdem kann und will ich nach so einem kurzen Eindruck eine “Rezension” verfassen, die nie vollständig und vielleicht nicht einmal fair sein könnte.

 

American_War

“American War” von Omar El Akkad, übersetzt von Manfred Allié, Gabriele Kempf-Allié, erschienen im S. Fischer Verlag, 448 Seiten, 24,00 € (Hardcover)
Für den eigenen Eindruck geht’s hier zur Leseprobe.

Für mich war “American War” eigentlich ein Buch genau nach meinem Geschmack. Eine Dystopie, nah und beängstigend realistisch in ihren Grundgedanken: im Buch hat der Klimawandel die Welt ins Chaos gestürzt und die bestehenden Systeme auf den Kopf gestellt. In den früheren Vereinigten Staaten von Amerika herrscht ein Bürgerkrieg, getrieben von Ideologien und Machthunger, wobei die Bevölkerung auf beiden Seiten um das Überleben kämpft.

In dieser zerstörten Welt erzählt das Buch nun von einem jungen Mädchen, Sarat Chestnut, und ihrer Familie. Immer wieder wird diese Haupthandlung unterbrochen von Einschüben aus “Geschichtsbüchern” und anderen historischen Dokumenten dieser dystopischen Welt. Leider haben sowohl die Erzählweise als auch Sarat als Protagonistin es mir enorm schwer gemacht, mich auf die Handlung einzulassen.

Durch die eher sachlichen Einschübe in die Handlung wurde ich jedes Mal wieder von den Figuren und ihren Problemen fortgerissen. Wo in anderen Büchern solche Kniffe für Atmosphäre und Dichte sorgen, haben mich die Texte hier eher irritiert und die Geschichte ins Abstrakte geschoben. Es fehlten die spannenden Details, die diese Texte glaubhaft gemacht hätten.
Dazu kam mit Sarat eine Protagonistin, die ich bei aller Liebe nicht sympathisch finden konnte. Was eigentlich nicht schlimm gewesen wäre, wenn sie denn wenigstens interessant geblieben wäre. So wurde mir Sarats Schicksal Seite um Seite egaler, ihr Charakter wirkt flach und emotionslos.

Nach gut einem Drittel trudelte ich also in dieser Geschichte und verlor völlig das Interesse an der Entwicklung der Figuren oder der Situation. Ich komme für gewöhnlich bei Büchern dieses Genres schnell ins Grübeln, beginne Geschehnisse zu Durchdenken und Themen zu Recherchieren. Diese Neugier und den Hunger nach mehr konnte “American War” einfach nicht wecken. Für mich war dieses Buch also trotz bester Voraussetzung keine geeignete Lektüre.

 

Schlange_von_Essex“Die Schlange von Essex” von Sarah Perry, übersetzt von Eva Bonné, erschinen im Eichborn Verlag, 496 Seiten, 24,00 € (Hardcover)
Für den eigenen Eindruck geht’s hier zur Leseprobe.

In gewisser Weise war “Die Schlange von Essex” schon ein gewisses Risiko für mich, lese ich doch kaum noch historische Romane und tue mich  mit allzu viel nostalgischem “Charme” mittlerweile schwer. Trotzdem habe ich geglaubt in diesem Buch eine perfekte Geschichte für mich zu finden: es geht um eine widerspenstige und ungewöhnliche Frau und eine düstere Legende rund um ein unsägliches Monster.

Das hat mir zunächst auch wirklich gut gefallen. Cora Seaborne, die sich nach dem Tod ihres Mannes den Naturwissenschaften verschworen hat und ihr Heil in der Erforschung der Küste Englands sucht, hat mich als Protagonistin überzeugt. Einzig, die titelgebende Schlange wird nur sehr am Rand thematisiert und allgemein bleiben die Legenden und der Aberglaube eher außen vor.

Das Hauptproblem jedoch ist die eher schleppende Entwicklung der Geschichte. Hier ein Abendessen in feiner Gesellschaft, da ein Briefwechsel mit einem befreundeten Arzt. Viel Füllwerk und unterhaltsame Nebenhandlungen, aber wenig Substanz für die eigentliche Geschichte.

Auch die Figuren blieben blass und unscheinbar. Obwohl es sich um ein doch überschaubares Ensemble handelt, konnte ich die einzelnen Charaktere kaum auseinanderhalten. Natürlich waren schon einige erwartbare Konflikte (Eifersucht) und Entwicklungen (Liebe?) zu erkennen, das war mir allerdings alles etwas vage.

So habe ich auch hier eher schleichend als mit einem großen Knall die Lust auf die weiteren Entwicklungen verloren. Es ist also wirklich nicht so, dass mich das Buch unsäglich enttäuscht oder geärgert hätte, sondern es konnte mir schlicht nicht genügend Futter bieten. Ich bin an der Lektüre gescheitert.

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2 Comments

  • Reply Sandra (booknapping) Februar 25, 2018 at 7:03 pm

    Liebe Alexandra,
    deinen Beitrag mag ich sehr – du bist ehrlich und sagst auch, warum du Probleme mit den Büchern hattest. Es liest sich fast, als hätten sie dir ein wenig leid getan :-D

    Ich breche Bücher auch ab, wenn es mit ihnen und mir gar nicht klappt. Das können auch mal Rezensionsexemplare sein, die ich selbst angefragt habe. Mir passiert das immer wieder mal und wichtig ist mir dann aber zumindest ein paar Worte zum Buch zu schreiben, ohne so zu tun, als hätte ich es komplett gelesen. Ganz wie du. Also ganz nach meinem Geschmack :-)

    Falls du übrigens für die Schlange ein neues Zuhause suchst, könnte ich ein warmes Regal anbieten.

    Liebe Grüße,
    Sandra

  • Reply Pink Anemone März 17, 2018 at 7:26 pm

    Hallo Alexandra,
    diese Idee finde ich von Dir echt toll und ich finde sowas fehlt in der Buch-Bloggerwelt oder wird einfach nicht beachtet. Somit bekommt das Buch keine negative Rezension, erhält aber trotzdem kritische Töne. Deine ehrliche und direkte Art macht das Lesen dieses Beitrags zum Vergnügen und für manche ist trotzdem genau das richtige Buch dabei. Dein Speeddating werde ich wohl jetzt öfters besuchen *g*.
    Liebe Grüße aus Wien
    Conny

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