Erzählung, Fiktion

Rezension: Lied der Weite von Kent Haruf

Kennt ihr diese Bücher, die man gar nicht mehr verlassen möchte? Die so viel Charme, Herzlichkeit und Wärme versprühen, dass es einfach gut fürs Herz ist und fast ein bisschen weh tut? So ein Buch war für mich in diesem Frühjahr “Lied der Weite” von Kent Haruf.

Eine Geschichte über ein junges Mädchen, das ungewollt schwanger wird, und zwei alte Brüder, die ihr Leben einsam und zurückgezogen auf ihrer Farm verbringen. Drei Menschen, die wohl sonst nichts miteinander zu tun hätten, würde sie nicht das Leben (oder eine hartnäckige Lehrerin) zusammenwerfen.
Was entsteht ist eine Geschichte über eine Wohngemeinschaft wider Willen, die mich tief berührt hat und (ich habe den Begriff schon einmal verwendet, er passt auch hier ziemlich perfekt) einfach Soulfood zum Lesen ist.

Wenn mein Kopf voll und das Herz schwer ist, brauche ich manchmal einfach Bücher, die mich glücklich machen. Ich mag dann nichts Schweres und zu Dramatisches, aber auch keine inhaltsleeren Schnulzen. Genau in diese Lücke ist “Lied der Weite” gestolpert. Es enthält auch neben der eigentlichen Haupthandlung so viele kleine Geschichten und Schicksale, dass man sich völlig in diesem Buch verlieren möchte. Wir treffen zwei Jungs, die in den alten Männern so etwas wie Seelenverwandte zu erkennen scheinen, wir erleben das harte Dorfleben. Vieles scheint banal, aber es sind einfach die kleinen und großen Geschichten des Lebens. Ich habe mich unglaublich wohl gefühlt in dieser Geschichte. Wie zwei alte Männer, die mit einem jungen Mädchen ganz selbstverständlich Babyzubehör einkaufen gehen, ist einfach herrlich witzig und rührend zu verfolgen.

Die Figuren, denen wir in “Lied der Weite” begegnen, sind alle so bodenständig wie besonders. Keine lauten und schrillen Charaktere, aber auf der anderen Seite auch niemand, der ganz “normal” (was ist das eigentlich?) ist. Kent Haruf hat ein Gespür für die leisen zwischenmenschlichen Töne, für Ängste und Sehnsüchte der verschiedensten Menschen.

Das alles wird erzählt in einer ganz besonderen Sprache, mit einem ganz besonderen Stil.

“Der Dritte im Raum, an der Wand gegenüber, war ein alter Mann mit einem neuen perlgrauen Filzhut, der steif und fest wie eine Behauptung auf seinem Kopf saß.”

Ist das nicht schön? Diese klare Sprache mit den ungewöhnlichen Bildern hat mich einfach sofort gefangen. Einfach aber nicht trivial oder platt. Immer wieder Sätze so schön oder wahr, dass es weh tut und Szenen, so berührend, dass ich ein bisschen melancholisch wurde. Einfach herrlich. Aber eben auch humorvoll und skurril, ich kann es nicht in Worte fassen.

Am Besten wäre es, ihr lest es alle selbst!

“Lied der Weite” von Kent Haruf, übersetzt von Rudolf Hermstein, erschienen im Diogenes Verlag, 384 Seiten, 24,00 € (Hardcover)

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2 Comments

  • Reply Nana Februar 18, 2018 at 10:57 am

    Oh, das klingt ganz wunderbar!
    Am liebsten sind mir diese besonderen Buchempfehlungen, über die man stolpert, ohne sie gesucht zu haben.

    Ich werde „Lied der Weite“ mal genauer unter die Lupe nehmen – ein Buch, das glücklich macht, klingt nicht nach der schlechtesten Wahl. :)

    Schönen Sonntag und herzliche Grüße,
    Nana

    • Reply Alexandra Februar 18, 2018 at 3:53 pm

      Liebe Nana,
      hoffe (falls du dich dafür entscheidest) dich macht das Buch so glücklich wie mich. Es war eine dieser leisen, unspetakulären Geschichten in denen man sich sofort total wohl fühlt und wissen muss, wie es weiter geht obwohl nichts weltbewegendes passiert.
      Ich wünsche dir ebenfalls einen schönen Sonntag!
      Alexandra

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