Interview & Rezension zu Vor Rehen wird gewarnt von Vicki Baum


Liebe Julia, Danke, dass ich dir ein paar Fragen stellen darf! Damit meine Leser*innen auch wissen, mit wem ich hier über das Buch spreche, kannst du kurz erzählen wer du bist und welche Aufgabe du im Verlag allgemein hast?

Gern, liebe Alexandra! Mein Name ist Julia Heinen und ich bin Lektorin bei Arche, das heißt, ich suche nach spannenden Texten und betreue sie dann bis sie erschienen sind; dazu gehört zum Beispiel das Schreiben von Klappentexten, das Nachdenken über Verkaufsstrategien, aber natürlich auch das eigentliche Lektorat und der wunderbare Austausch mit den Autorinnen und Autoren.

Was war an der Arbeit zu diesem Titel besonders? Hat dich irgendetwas besonders beschäftigt?

Die Arbeit an diesem Buch war für mich tatsächlich ganz besonders. Schon im Studium habe ich mich mit Vicki Baum beschäftigt und auch für eine Dozentin gearbeitet, die viel zu ihr geforscht hat. Schon damals hat es mich nicht losgelassen, dass Vicki Baum bis heute fast nur als seichte Unterhaltungsautorin gelesen wird, wohl weil die Diffamierung, die die Nazis betrieben haben, immer noch nachwirkt. Dabei schreibt sie dafür viel zu intelligent, ironisch, gesellschaftsanalytisch, reflektiert immer wieder Geschlechterrollen und literarische Traditionen. Jahre später, als ich im letzten Frühling zu Arche kam, hatte meine Vorgängerin diesen Roman gerade akquiriert – und so konnte ich mich praktisch vom ersten Arbeitstag an daran machen, zu überlegen, wie man Vicki Baum in einer Weise wiederentdecken könnte, die ihr gerecht wird. Das war für mich ein großer Glücksfall.

In den Angaben zur Übersetzung steht, dass das Buch ursprünglich von Carl Heinz Ostertag übersetzt wurde, aber “Die Übersetzung wurde an einigen Stellen leicht überarbeitet”. Was ist damit gemeint? Der Roman liest sich sehr modern, ist für meinen Geschmack wahnsinnig gut gealtert. Wo musstet ihr da überhaupt noch Hand anlegen?

Das ist eine sehr spannende Frage. Ich bin tatsächlich erst im Laufe der Arbeit am Text auf Carl Heinz Ostertag gestoßen, denn in der Erstausgabe von 1951 wird er gar nicht als Übersetzer genannt. In Nicole Nottelmanns wunderbarer Biografie Die Karrieren der Vicki Baum kann man nachlesen, dass Ostertag ein ursprünglich aus Stuttgart stammender Balletttänzer war, der wie Vicki Baum vor den Nationalsozialisten in die USA floh – und dort ihr bester Freund wurde. Die beiden reisten später gemeinsam um die ganze Welt, nur nach Deutschland oder Österreich kehrte Vicki Baum nie wieder zurück. Und vor allem schrieb sie auch nie wieder auf Deutsch, weshalb Ostertag ihre Bücher aus dem Englischen übersetzte. Besonders spannend ist es auch, dass Nicole Nottelmann herausgefunden hat, dass Vicki Baum ihren besten Freund wohl in Vor Rehen wird gewarnt verewigt hat – in der Figur des Carl, dessen beste Freundin in ihn verliebt ist, der sich jedoch nicht zu Frauen hingezogen fühlt. Ich finde es sehr spannend, was wir daraus über Vicki Baums Gefühlsleben erfahren, aber auch, dass sie bereits 1951 ganz selbstverständlich eine homosexuelle Figur eingeführt hat, zu einer Zeit, als man in Deutschland noch grauenvolle Strafen fürchten musste und dieses Thema völlig verschwiegen hat.
Diese Modernität Vicki Baums spiegelt sich auch in Ostertags Übersetzung, die wirklich grandios ist und sich auch heute noch beeindruckend frisch liest. Natürlich hört man die Zeit heraus, aber das war uns auch ganz wichtig. Ich habe darum nur an kleinen Stellschrauben gedreht, etwa wenn es um die Logik ging oder auch um ganz vereinzelte Begriffe, wie z.B. „gerieben“ – ein Wort, das etwas zwischen gerissen und durchtrieben beschreibt, aber in unserem heutigen Sprachgebrauch einfach nicht mehr vorkommt. Auch das N-Wort haben wir herausgenommen. Es kam an einer einzigen Stelle vor und passt mit unserem heutigen Wissen nicht zu Vicki Baums liberaler und moderner Einstellung. Es gab also einige ganz vereinzelte Fälle, in denen sich die Art, wie wir Worte benutzen, doch zu sehr verändert hat. Der allergrößte Teil des Textes ist jedoch unberührt geblieben – im Zweifelsfall habe ich mich in diesen Roman immer lieber zu wenig eingemischt als zu viel.

Du hast das Buch ja auch gelesen, gibt es etwas an Ann Ambros, das dir besonders gefallen oder dich besonders abgestoßen hat?

Natürlich ist Ann Ambros eigentlich eine abstoßende Figur. Gleichzeitig macht sie aber so unglaublich viel Spaß, weil sie immer genau das tut, was man nicht tun sollte, weil sie sich allen Moralvorstellungen widersetzt – und so zwar in der klischeehaften Rolle der scheinbar schwachen Frau bleibt, diese für sich aber völlig umkehrt. Im Deutschlandfunk wurde Ann neulich in eine Reihe mit Effi Briest und Anna Karenina gestellt, mit Frauen also, die den Suizid als letzten Ausweg wählen aus dem Unglück der ihnen zugeschriebene Rolle als Ehefrau. Ann widersetzt sich allen Handlungsmechanismen dieser Romane. Wie Anna Karenina hat zwar auch sie eine schicksalhafte Begegnung mit einem Zug – aber weil sie so zäh und widerspenstig ist, schafft sie es, anders als die unglücklichen Heldinnen der Eheromane, dieses Unglück zu überleben. Das ist, finde ich, eine sehr spannende Lesart.

Und mal ganz abgesehen vom Buch… vor was würdest du warnen, literarisch oder im Leben?

Ich würde davor warnen, die Neugierde zu verlieren oder jemals zu glauben, man hätte eine einzig wahre Sicht auf etwas erkannt Nur so kann es schließlich die spannendsten Bücher geben.

Rezension

Vicki Baums Roman “Vor Rehen wird gewarnt” erschien ursprünglich 1951, seitdem ist er – völlig zu Unrecht – ziemlich in Vergessenheit geraten. Nun hat der Arche Verlag diesen literarischen Schatz zum Glück geborgen. Trotzdem: auch als ich das Buch vor einigen Wochen unerwartet im Briefkasten fand, glaubte ich noch an eine Verwechslung. Weil mich jedoch dieser Titel einfach nicht losließ, habe ich dann aber einfach begonnen das Buch zu lesen und bin völlig in die Welt versunken, die Vicki Baum beschrieben hat.

Folgendes Zitat ist dem Roman im Umschlagtext vorangestellt und beschreibt perfekt das Gefühl, das entsteht, wenn man die Geschichte von Ann Ambros verfolgt

“Da war doch diese Tafel im Wildpark, und wissen Sie was in mannshohen Buchstaben darauf stand? Vor Rehen wird gewarnt! Jawohl, das stand auf der Tafel. Da waren diese anmutigen, scheuen Tiere mit den langen, sanften Disney-Wimpern: und da war diese Tafel, die es mannshoch in die Gegend schrie: Vor Rehen wird gewarnt! Das Publikum wird hiermit gewarnt, dass es zu allen Zeiten gefährlich ist, sich den Tieren zu nähern! […] Sooft ich Ann Ambros begegne, fällt mir diese Warnungstafel ein.”

Ich habe nie zuvor eine Figur erlebt, die ich gleichzeitig so geliebt und so gehasst habe wie Ann Ambros. Ihr Lebensmotto ist “Ich kriege immer, was ich will.” und damit ist nicht gemeint, dass sie ein besonderes Glückskind ist, sondern dass sie alles dafür tut, ihre Ziele zu verfolgen. Dabei geht sie zuweilen bösartig, kalt und berechnen vor. Gleichzeitig ist sie aber auch gewitzt und intelligent, besitzt vielleicht mehr Gefühl als sie durchscheinen lässt und irgendwie auch einen feinen, bösen Sinn für Humor.
Seite für Seite, Kapitel für Kapitel bin ich Ann Ambros erlegen. Alles im Roman dreht sich um diese ambivalente Figur und es entsteht ein wahnsinniger Sog.

Spannend ist, wie die kleinen und großen Dramen in einer gewissen Theatralik einfach verwischen. Eine Landpartie, die es zu verhindern gilt, wird nicht weniger mitreißend beschrieben als ein furchtbarer Brand. Ein spannender Blick in die Zeit beziehungsweise die Gedankenwelt dieser Art von Figur. Die Geschichte spielt um das Jahr 1900 und ist voll von feinen Damen, die theatralisch in Ohnmacht sinken, von großen Gesellschaften und dem alles überschattenden Kampf um Reichtum und Anerkennung. Unsicherheiten werden hinter Besitztümern und besonders feinen Roben versteckt, das Seelenleben der Figuren schillert da immer nur dezent hindurch.

Es fällt schwer sich nicht auf Ann Ambros zu fixieren (sie ist einfach das, was am lautesten nachhallt, wenn man den Roman beiseite legt), aber die Geschichte ist voll von spannenden Frauenfiguren. Jede für sich wird dargestellt im Spannungsfeld der gesellschaftlichen Erwartungen, beugt sich diesen mehr oder weniger, zu viel oder nicht genug (ich liebe die österreichische Großmutter!). So liest sich Vicki Baums Roman in beiden Varianten äußerst gut: als spannender Unterhaltungsroman mit jeder Menge Drama und als Innenaufnahme einer Gesellschaft, die mir gleichzeitig unglaublich weit weg und überraschend nah vorkam.

Mich hat “Vor Rehen wird gewarnt” wirklich begeistert und ich wünsche dieser spannenden Autorin viele neue, begeisterte Leser*innen.

„Vor Rehen wird gewarnt“ von Vicki Baum, übersetzt von Carl Heinz Ostertag, erschienen im Arche Verlag, 416 Seiten

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