Literarische Reise durch den Common Ground #1: “Die Nacht, als ich sie sah” von Drago Jancar


Dieser Beitrag ist in Kooperation mit Common Ground und TRADUKI entstanden und enthält Werbung (Verlinkungen und Nennung des Projekts).

Als ich vor einer Weile gefragt wurde, ob ich vielleicht ein ganz besonderes Projekt vorstellen möchte, musste ich nicht lange überlegen.
Durch die Corona Pandemie ist nämlich nicht nur die Leipziger Buchmesse 2020 ins Wasser gefallen, sondern auch der Auftakt einer großartigen Aktion. Um so mehr wünsche ich mir, dass trotzdem viele Leser*innen darauf aufmerksam werden und gemeinsam die Literatur des Common Ground feiern.

Was ist der Common Ground?

In den Jahren 2020 bis 2022 wird der Common Ground als Schwerpunktregion der Leipziger Buchmesse Literatur aus Südosteuropa vorstellen.

Schon der Name sagt es: mit dem “Common Ground” wird das Verbindende, die gemeinsame Basis in den Vordergrund gestellt.
Literatur aus ganz unterschiedlichen Ländern soll präsentiert werden und ein authentisches Bild des Balkans zeigen.
Fernab von den Klischees, Vorurteilen und Katastrophen, die uns sonst gezeigt werden, will der Common Ground die Vielfalt der Literatur seiner Region präsentieren.

Dafür haben sich Partner aus ganz Südosteuropa vereint: Albanien, Bosnien und Herzegowina, Bulgarien, Kosovo, Kroatien, Montenegro, Nordmazedonien, Rumänien, Serbien und Slowenien haben sich in Zusammenarbeit mit Deutschland, Liechtenstein, Österreich und der Schweiz zum Common Ground zusammengeschlossen.

Es sind Länder, für die Politik, politische Zusammenbrüche und Umstürze eine große Bedeutung haben. Aber der Common Ground soll eben mehr Facetten und Aspekte dieser Region zeigen. Es geht um eine Begegnung auf Augenhöhe, um die Möglichkeit auch kulturell in Austausch zu kommen.

Literarische Reise durch den Balkan

Jedes Jahr wird die Schwerpunktregion sich einem bestimmten Thema widmen, Veranstaltungen, Lesungen und eben Online Aktionen dazu durchführen. In diesem Jahr geht es um “Herkunft und Zugehörigkeit”. Dabei spielt vor allem der Zusammenbruch politischer Systeme eine große Rolle. Es geht aber auch darum, was das für die einzelnen Menschen bedeutet. Was ist für sie Herkunft? Wo finden sie Heimat? Das Thema soll ganz normale Persönlichkeiten mit ihren alltäglichen Problemen und Freuden zeigen.
Im nächsten Jahr wird es dann unter anderem mit dem Zerfall Jugoslawiens unter einer neuen Überschrift weiter gehen, auf der Reise durch den Common Ground.

Es sind schon einige großartige Aktionen gestartet, so trifft Tino von Literaturpalast zum Beispiel ein Mal im Monat Autor*innen, Übersetzer*innen und andere Literaturschaffende aus Osteuropa und ist mit seinem Podcast Audiospur quasi der literarische Reiseleiter für uns.

Auf dem YouTube Kanal von Traduki finden sich außerdem regelmäßig Beiträge zum literarischen Frühstück. Ein Format in dem ebenfalls Autor*innen aus der Region über ihre Vorbilder, Themen und Motive zu Wort kommen (auf der Homepage des Projekts findet ihr nähere Informationen zu allem was ansteht).

Wenn ich meinen Blog so anschaue, muss ich mit Erschrecken feststellen, dass ich selbst auf meiner literarischen Weltreise, bisher kaum in diesen Ländern unterwegs war. Es war also an der Zeit das zu ändern und so folge ich der Reiseroute dieses Projekts.

Erste Station “Die Nacht, als ich sie sah” von Drago Jancar

Drago Jancar gehört zu den bedeutendsten zeitgenössischen jugoslawischen Schriftstellern und ist in diesem Jahr Preisträger des Österreichischen Staatspreises für Europäische Literatur. Trotzdem hatte ich, bevor ich mich aktiv mit den Autor*innen des Common Ground beschäftigte, noch nie von ihm gehört. Das kann nun natürlich an meinen Lesegewohnheiten liegen. Aber auch daran, dass diesen Autor*innen hier noch viel zu wenig Aufmerksamkeit zuteil wird. Denn die Geschichten, die ich da entdeckte, sind schließlich genau so vielfältig und spannend, wie meine sonstige Lektüre.

So hat mich auch “Die Nacht, als ich sie sah” gefesselt. Es ist ein Roman über eine unabhängige, ungewöhnliche Frau, die wie aus der Zeit gefallen scheint.

Das Buch spielt in den Jahren 1937 bis 1945. Schon während der Lektüre des ersten Abschnittes begann bei mir die Recherche. Bis dahin hatte ich mich nie mit der Rolle Jugoslawiens während des Zweiten Weltkrieges beschäftigt und habe auch jetzt noch viel zu lernen. Ich las vom Überfall der Nazis auf Jugoslawien, vom Leid der Bevölkerung, zerrieben zwischen faschistischen Besatzern und kommunistischen Partisanen.
Zwar ist die Handlung des Romans eingebettet in die historischen Ereignisse der Zeit, es ist jedoch nicht primär ein Kriegs- oder Geschichtsroman. Vielmehr stellt der historische Hintergrund des Jugoslawien während des Zweiten Weltkrieges die Kulisse für ein ganz menschliches Drama.

Eine wahre Begebenheit, die lang im Dunkeln lag

An einem klirrend kalten Winterabend im Januar 1944 wird die schöne, junge Schlossherrin Veronika zusammen mit ihrem Mann von kommunistischen Partisanen verschleppt. Sie verschwinden in der Nacht und werden nie wieder gesehen.

Drago Jancar erzählt seinen Roman anhand dieser wahren Begebenheit, die erst 2015 aufgeklärt werden konnte. Veronika bleibt ein Mysterium, eine Erscheinung, der wir in diesem Buch nachspüren. In fünf Abschnitten kommen Personen zu Wort, die alle Veronika verfallen sind. Sie erzählen die Geschichte dieser unbändigen Frau.

Der erste – und zu Beginn durchaus etwas sperrige – Abschnitt wird von Veronikas Geliebtem, einen jungen Soldaten, erzählt. Der junge Kavallerieoffizier lernte Veronika auf Geheiß ihres Ehemannes das Reiten.

“Aber Pferde liebte sie wirklich. Vielleicht mehr als die Menschen.”

Während der gemeinsamen Unterrichtsstunden merken die beiden schnell, dass nicht nur die Liebe zu den Pferden sie eint. Verliebt brennen sie durch. Aber statt romantischer Liebe findet Veronika doch wieder nur ein konventionelles Leben. Sie fühlt sich gefangen, wie ein Häftling. Von der wilden Romantik bleibt schnell nicht mehr viel übrig und sie kehrt zu ihrem Mann zurück.
Der junge Soldat, mittlerweile in britischer Kriegsgefangenschaft, denkt über seine große Liebe nach, von der er nie wieder etwas hören sollte.

“Ich hatte Angst um sie, weil ich wusste, dass es kein gutes Ende nehmen konnte. Und das tat es auch nicht.”

Im Anschluss ist es Veronikas Mutter, die das Schicksal ihrer Tochter beklagt. Dieser Abschnitt liest sich wesentlich lebendiger, gibt weitere Informationen zum Geschehen und bleibt doch noch sehr rätselhaft. Es ist, als würden wir eine Treppe besteigen. Mit jedem Abschnitt ein Stück mehr der Geschichte enthüllen, lose Enden aufnehmen und zu einem Bild verweben. Veronikas Mutter ist voll Wehmut, bangt und hofft doch jeden Tag weiter, ihre Tochter möge zurückkommen.

“Veronika strotze vor Kraft, Freude, Neugier für alle Dinge dieser Welt.”

Ein Roman voll ungewöhnlicher Kontraste

Die Mitte des Romans bildet ein Abschnitt, den ich in dieser Konstellation besonders ungewöhnlich empfand. Ein deutscher Arzt und Freund Veronikas kommt zu Wort. Obwohl er zu den Nazis gehört, wird der Arzt davon immer ein Stück weit distanziert. Das heißt er selbst versucht sich davon zu distanzieren. Aber auch Veronika behandelte ihn als verlorenen, heimatlosen Freund. Und auch er wirkt ein bisschen verliebt in die junge, lebenslustige Frau.

Der Kontrast zwischen diesem Abschnitt und dem Beginn des Romans ist wirklich spannend und wird noch durch den Abschluss der Geschichte verstärkt. Den bildet nämlich ein Knecht der Familie. Er ist Mitglied der Partisanen und Veronika tief verfallen, gleichzeitig aber eine Gefahr für die junge Frau.

Dazwischen hören wir Jozi, die Haushälterin Veronikas. Ihr Bedauern über das Schicksal ihrer guten Chefin ist groß. Sie rundet das Bild einer Frau ab, die für alle und jeden ein gutes Wort und Mitgefühl übrig hat, die aber auch stark und unkonventionell ist.

Mich hat begeistert, dass sich die fünf Figuren stilistisch deutlich unterscheiden. Jeder Charakter hat einen ganz eigenen Ton, eine eigene Stimme. Die Männer sprechen härter und militärischer als die beiden Frauen. Ihre Sätze sind verschachtelt und verschlossen. Die Mutter wiederum hat einen wesentlich verklärteren Blick auf die Situation und dies wird auch in ihrem Wortschatz deutlich. Die Übersetzung von Daniela Kocmut und Klaus Detlef Olof hat diese Vielfalt lebendig transportiert.

“Sie war voller Gegensätze, das konnte man auch an ihren Stimmungen erkennen, die wie das Aprilwetter wechselten…”

Eine facettenreiche, moderne Frauenfigur

In all diesen Beschreibungen wirkt Veronika wie aus der Zeit gefallen, modern und feministisch. Sie studierte in Berlin, fährt Auto und hat einen Pilotenschein. Sie liebte Tiere, ganz besonders Pferde, ist sanft und leidenschaftlich. Jede der Figuren hat neben den bewegenden persönlichen Geschichten auch lustige Anekdoten von ihr zu erzählen. Wie Veronika einen Alligator als Haustier hielt und diesen an der Leine spazieren führte. Wie sie völlig furchtlos und mit unpassender Kleidung im falschen Stadtviertel umherspazierte. Oder wie sie die kranke Frau eines Knechts selbst zum Krankenhaus fuhr, obwohl die verwirrte Landbevölkerung eine Frau im Auto zu dieser Zeit äußerst suspekt fand.

Zwei weitere Dinge verbinden die fünf Figuren. Jedem erscheint Veronika in der Nacht in irgendeiner Form: als Traum, selige Erinnerung, Heimsuchung oder Sehnsucht. Wie sich Veronika zeigt, spiegelt immer auch ihre Beziehung zur jeweiligen Erzählperspektive wieder.

Außerdem gibt sich jede der Figuren gleichermaßen die Schuld am Verschwinden von Veronika. Jeder reflektiert, dreht und wendet wie er ihr Verschwinden hätte verhindern können. Das Bedauern in den Texten ist tief.

Die Kapitel sind zeitlich jeweils ein Stück weiter entfernt von Veronikas Verschwinden. Ist es im ersten Kapitel erst wenige Monate vergangen und ihr junger Geliebter weiß noch gar nicht, was genau geschah. Sind es im letzten Kapitel die Gedanken eines alten Mannes, den seine Schuldgefühle auch nach vielen Jahren noch auffressen.

Eine grausame Wahrheit

Während sich die Figuren immer weiter von Veronikas Verschwinden entfernen, werden wir beim Lesen immer näher an diesen Moment und seine brutale Wahrheit herangeführt. Natürlich weiß man irgendwann, wie das alles endet. Trotzdem ist der Roman bis zum Ende unglaublich spannend. Weil man das alles nicht wahrhaben will in seiner Grausamkeit.

Es sind die moralischen Fragen nach Schuld und Verrat, die nach der Lektüre noch lange nachklingen. Eine junge Frau, die so weit weg von allem Kriegerischen sein wollte, die mit aller Macht versuchte sich vom Krieg fernzuhalten und dann darin verloren geht. Veronika wird als Figur gezeigt, die Mitgefühl mit allem und jedem hatte. Dennoch wird sie, durch unglückliche Umstände und Missverständnisse, zum Opfer eines grausamen Krieges. Weil Krieg und Verrat keine Unterschiede macht.

Für mich war “Die Nacht, als ich sie sah” ein bewegender und spannender erster Ausflug in die Literatur Südosteuropas. Voll neuer Themen und doch vertrauter Motive. Ich habe mich nach kurzer Gewöhnung schnell wohlgefühlt in diesem Roman. Von Drago Jancar steht nun auch schon ein zweiter Titel auf meiner Liste, denn „Wenn die Liebe ruht“ hat mich schon nach einer kurzen Leseprobe neugierig gemacht.

Aber unsere nächste Station wird uns erst mal zu einer spannenden Autorin aus dem Common Ground führen, ihr dürft gespannt sein!

 

„Die Nacht, als ich sie sah“ von Drago Jancar, übersetzt von Daniela Kocmut und Klaus Detlef Olof, erschienen im folio Verlag, 188 Seiten

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