Erzählung, Fiktion

Rezension: Die Brautprinzessin von William Goldman

Einige Zitate aus „Die Brautprinzessin“ wurden in „Tintenherz“ von Cornelia Funke verwendet. Als ich dazu recherchierte und erfuhr, dass „Die Brautprinzessin“ gar kein richtiges kitschiges Märchen ist, wollte ich es unbedingt lesen. Außerdem ist es eine Leseempfehlung von Campino. Nachdem das Buch dann eine ganze Weile ungerechterweise ungelesen bei mir lag, habe ich es nun in kürzester Zeit verschlungen. Trotzdem tue ich mich jetzt schwer, endlich etwas darüber zu erzählen. Dieses Buch ist einfach ganz anders als alle anderen.

Brautprinessin„Die Brautprinzessin“ von William Goldman
Klett-Cotta Verlag
426 Seiten
14,95€ (Taschenbuch)

„Die Brautprinzessin“ ist ein modernes Märchen und eine Geschichte in der Geschichte zugleich. Der vollständige Titel des Buches verrät es schon: „Die Brautprinzessin – S. Morgensterns klassische Erzählung von wahrer Liebe und edlen Abenteuern. Die Ausgabe der „spannenden Teile“. Gekürzt und bearbeitet von William Goldman“. Gleich zu Beginn des Buches erfahren wir, dass „Die Brautprinzessin“ in Kindertagen das liebste Buch des Autors William Goldman war. Sein Vater las ihm Tag für Tag daraus vor und der kleine William genoss die unglaublich spannende Geschichte. Als er später seinen eigenen Sohn für das Buch begeistern möchte, stellt er fest, dass die so geliebte Geschichte längst nicht der ganze Text ist, sondern nur die wirklich spannende Teile. William beschließt sein geliebtes Märchen herauszulösen und ebenso neu herauszugeben. Was wir nun lesen ist das fertige Werk, ergänzt um die Kommentare des Autors.
Diese ganze Geschichte wirkte so echt auf mich, dass ich tatsächlich nachgeschlagen habe, ob es diese „klassische Erzählung“ die da angeblich so liebevoll gekürzt wurde nun wirklich gibt. Nein, es gibt sie nicht. Trotzdem hat es der Autor geschafft, dass man daran glaubt und auch irgendwie glauben möchte. Die Erzählung der Brautprinzessin ist wirklich spannend, humorvoll und ein richtiges Märchen mit allem was dazugehört. Die Kommentare des Autors wirken daneben so flapsig und charmant, modern und ganz anders, dass man stilistisch nicht meinen würde, dass beides derselben Feder entspringt. Im ganzen Buch wird mit dem Anschein von „wahren Begebenheiten“ neben der erdachten Handlung gespielt. So werden an einer Stelle mitten im Buch die Adresse des Verlags und die Aufforderung, sich eine fehlende Szene dort per Post anzufordern, abgedruckt. Zum originalen Erscheinen des Buches 1973 muss der Verlag von diesen Anfragen nahezu überschüttet worden sein, so viele Leser glaubten (wie ich) dem authentischen Text von William Goldman.

Mich hat wirklich beeindruckt, dass beide Teile des Buches, also sowohl die „Einschübe“ des Autors, als auch das eigentliche Märchen, jeweils für sich begeistern können.
Ich bin kein großer Märchenfan, liebe aber den besonderen humorvollen Ton der immer wieder zwischendurch anklingt (und dann doch zeigt, dass es kein ganz „klassisches“ Märchen ist).

„Butterblumes Mutter zögerte, dann legte sie den Löffel hin und wandte sich von ihrem Eintopf weg. (Eintopf gab es schon, aber den  gab es schon immer. Am Tage, als der erste Mensch aus dem Urschleim ans Land kroch und sich dort einrichtete, gab es abends Eintopf.)“

Und weiter…

„Butterblumes Mutter fuhr ihn an: ‚Hast du vergessen, die Steuern zu zahlen?‘ (Steuern gab es schon, gab es schon immer, schon vor dem Eintopf.)“

Neben diesem Humor gibt es aber auch tolle Charaktere: sechsfingrige Schurken, riesige Ringer, eine wunderschöne Prinzessin, den edlen Helden. Alles ist ein bisschen „mehr“ als in normalen Märchen und war deshalb gerade richtig für mich. In normalen Märchen fehlt mir häufig auch die Action, davon gibt es in „Die Brautprinzessin“ genug und so fliegen die Seiten (meistens) nur so dahin. Die ein oder andere langwierige Abschweifung hätte für meinen Geschmack gern fehlen dürfen, passt aber zum märchenhaften Stil dieser Abschnitte.

Der einzige echte Kritikpunkt für mich ist, dass ich von den Einschüben des Autors gern mehr gehabt hätte. Es wird eine Handlung rund um seine Schaffenskrise und den Versuch seinen Sohn für das Märchen zu begeistern aufgebaut, aber für meinen Geschmack nicht weit genug ausgebaut. Mich hat auch dieser Abschnitt furchtbar interessiert und da hätte gern noch mehr kommen dürfen.

Unterm Strich ist das Buch vielleicht nicht perfekt aber sehr anders, besonders und eine wunderbare Auszeit vom Alltag. Manchmal möchte man doch einfach nur eine Geschichte über wahre Liebe und edle Helden lesen und ein bisschen daran glauben.

Das Buch in einem Tweet: Ein Buch für Märchenfans und -skeptiker. Es ist nämlich vorrangig nicht Märchen sondern einfach unterhaltsam. Und anders. Aber mit Helden.

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3 Comments

  • Reply Tinkers Februar 19, 2015 at 8:24 pm

    Mein Lieblingsbuch!!! Schöne Rezi!

  • Reply Maike Februar 20, 2015 at 5:50 pm

    Oh ja, das ist wirklich ein tolles Buch. Und deine Rezension gibt wirklich einen guten Überblick, vor allem der Buch-Tweet. Mir gefiel damals tatsächlich die Form, in der das Buch verfasst ist, am besten. In meinem Empfinden baute die Story nach hinten nämlich sehr stark ab…
    Viele Grüße, Maike

  • Reply #Lesesommer2015: Ich weiß, was du letzten Sommer gelesen hast! November 6, 2015 at 5:57 pm

    […] gefreut. Zum einen, weil dieses Buch ein Vorbild für “Die Brautprinzessin” sein soll, das ich sehr mochte, zum anderen weil Simone den bösen, schwarzen Humor dieses Buches so betont und mich damit ja […]

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