Drama, Fiktion

Rezension: Jesus von Texas von dbc Pierre

Kleine Planänderung. Eigentlich wollte ich heute über ein ganz anderes Buch schreiben. Wesentlich leichtere Kost, humorvoll und unkompliziert. Nun ist es mir aber passiert, dass ich gerade ein Buch beendet habe, über das ich unbedingt schreiben muss. Sofort.

Jesus_von_Texas„Jesus von Texas“ von dbc Pierre
Aufbau Verlag
383 Seiten
8,95 € (Taschenbuch)

Jesus ist ein Außenseiter in der Highschool von Martirio, einer der eines Tages zur Waffe greift, 16 seiner Klassenkameraden und schließlich sich selbst erschießt. Tragisch, aber irgendwie eine typisch amerikanische Geschichte. Mit Jesus und seiner Tat beginnt jedoch nur die Handlung. Das eigentliche Drama dreht sich um Vernon Little, einst Jesus einziger Freund, jetzt Sündenbock der Stadt.

Eigentlich ist „Jesus von Texas“ die typische Geschichte eines, nein eigentlich zweier, Underdogs. Mich hat das Buch trotzdem ungewöhnlich erschüttert. Denn statt der gewohnten Fragen um die Ursachen eines solch extremen Gewaltaktes wie des Amoklaufs, werden hier ganz andere Probleme thematisiert. Wie Vernon Little vom eigentlich Unbeteiligten zum Täter stilisiert wird, wie erst eine Gemeinde, später ein ganzes Land (begleitet von einer widerlichen Medienlandschaft) nach Rache lächzt. Das alles waren Motive, die in anderen Geschichten zwar vielleicht auch am Rande erwähnt wurden, mich hier aber mit voller Wucht trafen. Wahrheit und Unschuld, die plötzlich keinerlei Bedeutung mehr haben.

Ich muss gestehen, dass ich mich streckenweise etwas schwer tat mit diesem Buch. Ich weiß nicht mehr wie oft das Wort „Höschen“ im Text vorkommt und hätte ich jedes mal einen Schnaps getrunken, wäre ich nun sturzbetrunken. Wobei ich mich dann vermutlich in der streckenweise echt verworrenen Sprache Vernons wiedergefunden hätte. Trotzdem ist das Buch stilistisch sehr passend. Die Geschichte wird aus Vernons Perspektive erzählt, er ist ein einfacher Geist aber manchmal eben auch „normal“ verwirrter Jugendlicher. Genau das wird auch durch die Sprache deutlich.
Problematisch war vielmehr der etwas zähe Mittelteil des Buches. Eine Weile dreht sich die Geschichte auf der Stelle, wie eine Münze die sich zwischen Kopf und Zahl nicht entscheiden kann und erst nach langem Trudeln endlich umkippt. Dieses „umkippen“ ist im Falle des Buches der Moment, in dem mir als Leser klar wurde, in welche Mühle Vernon tatsächlich geraten ist. Nein, es sind nicht mehr länger kleine Missverständnisse, da braut sich ein Gewitter zusammen.

Obwohl ich, wie schon gesagt, manchmal mit Vernons wirren Gedanken haderte (Warum denkt der Junge so oft an Höschen? Macht ihr in eurer Pubertät wirklich nichts anderes, Männer?) habe ich ihn als Buchcharakter lieb gewonnen. Seine Handlungen sind nicht immer ganz nachvollziehbar aber folgen zumindest konsequent seiner irren inneren Logik. Und wie er in diesen Strudel der Ereignisse gerät, hat mich wirklich berührt.

Für mich war „Jesus von Texas“ nicht ganz perfekt und durch seine derbe Sprache und wirren Abschnitte ist es wohl nicht für jeden Leser geeignet. Wer sich daran jedoch nicht stört, findet eine eindrucksvolle Geschichte mit einer spannenden Thematik. Unterm Strich 4 von 5 Leseratten.

Mehr zum Thema…

Falls ihr noch nicht verschreckt seid, habe ich noch andere Bücher aus dem Rattenbau-Bücherregal, die thematisch ziemlich dicht dran sind für euch:

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2 Comments

  • Reply Kati@ZeitZuLesen März 13, 2016 at 6:09 pm

    Hallo Alexandra,
    eine spannende Rezension, wahrlich kein leichtes Buch und ein ernstes Thema!

    Allerdings fände ich das Experiment, bei jedem Wort „Höschen“ einen Schnaps zu trinken ganz witzig 😉 Natürlich nur zum Nachlesen hier 😉

    Liebe Grüße & einen schönen Sonntagabend
    Kati

    • Reply Alexandra März 14, 2016 at 9:42 am

      Liebe Kati,

      hätte ich das vorher gewusst, wäre ich das Experiment mit dem Schnaps zumindest am Freitagabend mal eingegangen, das wäre sicher mal ein lustiges Erlebnis! 😉

      Hast du das Buch bereits gelesen? Irgendwie scheinen mich Bücher zu diesem Thema anzuziehen, wobei die unterschiedlichen Perspektiven auch wirklich spannend sind.

      Liebe Grüße
      Alexandra

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