Dystopie, Fiktion

Rezension: Die Entbehrlichen von Ninni Holmqvist

Was wäre, wenn in einer Gesellschaft nur Platz für die produktiven und nützlichen Mitglieder ist? Wenn alle, die den biologischen Sinn ihres Lebens nicht korrekt genutzt haben, zu “Entbehrlichen” erklärt werden? Ninni Holmqvist ersinnt in ihrem gleichnamigen Buch eine genau solche Welt und erzählt die Geschichte ihrer Protagonistin Dorrit. Dorrit, die kein Glück mit den Männern hatte und darum auch nie Kinder bekam, muss an ihrem fünfzigsten Geburtstag in ein Sanatorium ziehen. In diesem Sanatorium leben alle Entbehrlichen, also Menschen die keine Familie gegründet haben, und dienen als Versuchspersonen für medizinische Tests oder Organspender für die Benötigten. Was Dorrit in diesem Sanatorium erlebt, gleicht nichts was ich bisher gelesen habe. Denn natürlich haben die Entbehrlichen mit ihrem zwangsweisen Eintritt in das Sanatorium ihren Lebenswillen nicht verloren und so zeigt dieses Buch einen extremen Kontrast zwischen Tod und Lebensfreude.

“Die Entbehrlichen” von Ninni Holmqvist hat mich nachhaltig beeindruckt. Dieses kleine Buch thematisiert aber auf schlanken 260 Seiten auch nicht weniger als den Sinn des Lebens, die Bedeutung von Liebe und Hoffnung und die eigene Sterblichkeit. Ein riesiger Ballast den die Autorin geschickt und mit klugen Worten zu bearbeiten weiß. In ihrem knappen aber gleichzeitig sehr detailverliebten Erzählstil habe ich mich sofort wohl gefühlt und die Schönheit ihrer Sätze bewundert.

In der dystopischen Welt dieses Buches herrscht die Auffassung, dass auch Leben und Gesundheit als Werte gelten müssen, die gerecht verteilt werden sollten.

“Und Leben ist Kapital. Ein Kapital, das unter den Bürgern gerecht verteilt werden muss, auf eine Weise, die Reproduktion und Wachstum, Wohlstand und Demokratie begünstigt.”

Eine Ansicht, die den jungen und produktiven Mitgliedern der Gesellschaft sinnvoll und geradezu zwingend erscheint. Auch Dorrit, aus deren Perspektive die gesamte Handlung erzählt wird, empfindet diese Weltsicht in jungen Jahren als gerecht und klug. Erst mit dem unbarmherzigen Voranschreiten der Zeit (und dem drohenden fünfzigsten Geburtstag) wird der Protagonistin klar, dass die Unwägbarkeiten des Lebens schneller als gedacht dafür sorgen können, dass man als Entbehrliche endet. Plötzlich ungewollt von der Gesellschaft. Diese Entwicklung ist für den Leser wunderbar nachvollziehbar beschrieben und lässt die Geschichte trotz der extremen Voraussetzungen sehr klar und logisch erscheinen.

Es war bedrückend zu verfolgen, wie Dorrit aus ihrem Leben gerissen wird. Ein altes Häuschen, ein scheinheiliger Geliebter und ein treuer Hund, mehr sind es nicht was ihre Existenz ausmacht. Doch auch der erzwungene Abschied von diesem kleinen Leben zerreißt Dorrit (und ehrlich gesagt auch mir als Leserin) fast das Herz.

“Lieben und Verlassen gehen nicht zusammen. Es sind zwei unvereinbare Begriffe, und wenn sie durch äußere Umstände zusammengezwungen werden, erfordert das eine Erklärung.”

Im weiteren Verlauf der Geschichte werden dann immer drängender eben jene Fragen gestellt, die den Kern der Geschichte bilden. Was ist der Sinn und der Wert eines Lebens? Die Klientel im Sanatorium des Buches ist bunt gemischt und doch finden sich dort gerade jene Menschen, deren Lebenswege ungewöhnlich verlaufen. Künstler, Autoren und Exzentriker, aber auch einfach ungewollt Einsame.

“Leute, die Bücher lesen”, fuhr er fort, “tendieren dazu, entbehrlich zu werden. In hohem Maß”

Die Überlegungen dazu, ob nicht auch (und gerade) diese Lebenswege wertvoll und wichtig sind, weil es nicht die pauschale Begründung für Glück und Lebenssinn geben muss, haben mich sehr ergriffen. Durch die verschiedenen Menschen, denen Dorrit im Sanatorium begegnet, werden immer neue Aspekte der Bedeutung eines Lebens in den Fokus gerückt. Diese Aspekte als “entbehrlich” zu betrachten scheint absurd, den Leidensweg dieser Charaktere zu verfolgen ist wirklich schmerzhaft.

“Und dass es, wenn wir nur die Farben sehen, sie wirklich sehen können, ein schönes Leben ist. Und ein sinnvolles. Denn Schönheit hat einen Eigenwert, das ist meine entschiedene Auffassung.”

Die Autorin schafft es unglaublich gut, uns mit Dorrit eine liebenswerte und sehr authentische Protagonistin an die Hand zu geben, deren Schicksal ganz natürlich viele schwierige Fragen aufwirft. Die Handlung ist zwar an einigen Stellen etwas vorhersehbar, die Entwicklungen daraus aber umso interessanter und intelligenter. Ich habe dieses Buch sehr gern gelesen und noch lange darüber nachdenken müssen, von mir ganz klar 5 von 5 Leseratten.

Das Buch in einem Tweet:

 

„Die Entbehrlichen“ von Ninni Holmqvist, übersetzt von Angelika Gundlach, erschienen im Fischer Verlag, 260 Seiten, 9,99 € (Taschenbuch)

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