Drama, Fiktion, Liebe

Oh, Wunder!

Eine Geschichte über Behinderung und Wunderheilung

Es gibt manchmal Blogger-Aktionen, da hoffe ich schon bei den ersten Bildern anderer Blogger*innen, dass ich auch dabei sein werde. Bei “Liebe in Lourdes” war das so. Überall auf Instagram wurde plötzlich ein Buch mit wunderschönem Cover und eine herrlich kitschige Marienstatue ins Bild gehalten. Ich habe mich wirklich gefreut, dass ihr auch an mich gedacht habt. Danke dafür, liebe Kiwis.

Zugegeben, die Aktion war auch ziemlich clever platziert. Zu Pfingsten feiern wir die Entsendung des heiligen Geistes an die Jünger Jesu und damit die Begründung der christlichen Kirche. Wann wäre eine Geschichte über Lourdes, den Wallfahrtsort, der seit Jahrhunderten Gläubige aus aller Welt anlockt, passender?

Pfingstsonntag habe ich sofort begonnen das Buch zu lesen und leider meinen Augen kaum getraut. Mittlerweile habe ich es beendet und frage mich wirklich, warum solch eine Geschichte heute noch Platz in einem guten Verlag gefunden hat.

Kurz zur Story

Die Protagonistin, eine klischeehaft beziehungs- und kinderlose Enddreißigerin, scheint mit ihrer Wallfahrt nach Lourdes ihrem Leben wieder etwas Sinn verleihen zu wollen. Sie wirkt wie eine dieser typischen, in einer digitalen Gegenwart überforderten Figuren, die sich auf Werte zurückbesinnen, für die sie bis dahin keinen Blick hatten.

Na gut, Lourdes und der mittelalterliche Charme des Wallfahrtsortes hat einen ganz besonderen Zauber.
Auch den Reiz einer Geschichte zwischen christlicher Tradition, Wunderglaube und Moderne kann ich durchaus gut verstehen.
Eine Liebesgeschichte da zu platzieren wo Gebet, Einkehr und Keuschheit die höchsten Güter zu sein scheinen, garantiert spannende Entwicklungen und innere Konflikte.

Was mich allerdings richtig, richtig sauer macht, ist dass die, leider auch heute noch üblichen, Wallfahrten von “Kranken und Behinderten” im Buch gnadenlos verarbeitet werden.

Unsere Protagonistin begleitet zum ersten Mal einen Orden, der Kinder mit verschiedensten Behinderungen nach Lourdes bringt, um für ihre Heilung zu beten und um ein Wunder zu bitten.

Der Teufel in meinem Leben

Ich selbst wurde schon mehrmals in verschiedensten Situationen von wildfremden Menschen angesprochen. Meine Behinderung ist ein Zeichen dafür, dass ich den Teufel in mein Leben gelassen habe, sagte man mir. Nur durch Gebete und Buße kann ich mich davon befreien und geheilt werden. Verschiedenste Bücher wurden mir dazu angeboten, ich habe sie alle abgelehnt oder weggeworfen.

Es ist also hoffentlich verständlich, dass ich persönlich auf diese Wallfahrten mit Menschen mit Behinderungen allergisch reagiere*.
Meine Hoffnung, dass die Protagonistin, die ja das erste Mal in diese Welt eintaucht, das alles hinterfragen wird, hat sich dann leider nicht bewahrheitet.

Wie passt das zusammen? Wie kann man eine aufgeklärte Frau beschreiben, die dem Glauben in einigen Bereichen (zum Beispiel Scheidungen) durchaus skeptisch gegenüber steht, aber dann diese “barmherzige” Arbeit an Kindern mit Behinderungen unreflektiert lassen?

Worte gestalten unsere Wahrheit

Die inhaltliche Auseinandersetzung kann man aber vielleicht noch unterschiedlich bewerten. Ich bin für Deutungen offen und wäre gespannt, wie andere Leser diese Thematik interpretieren.

Richtig sauer haben mich die Beschreibungen der behinderten Kinder gemacht.

“Die Türen rollen auf ihren Schienen zur Seite und geben den Blick frei auf noch mehr dieser Geschöpfe, denen die Gene, Gott oder sonst ein Mechanismus das Kreuz eines dysfunktionalen Körpers auferlegt hat.”

Geht’s noch? Immer wieder werden die Kinder “Geschöpfe” genannt, sie werden möglichst widerlich beschrieben und kaum menschlich dargestellt.

Ich habe vor Kurzem darüber gesprochen, wie traurig es mich macht, dass Menschen mit Behinderung in der Literatur kaum vorkommen. Ehrlich gesagt glaube ich fast, dass keine Repräsentation noch besser wäre, als eine solch schreckliche.

Im ganzen Buch sind die Menschen mit Behinderungen ein Projekt für die Pilger. Die “Kinder” sind zum Teil Erwachsene, haben aber geistige Behinderungen oder Lernbehinderungen. Sie werden kaum als echte Menschen dargestellt, eher als anstrengende übergroße Babys. Ernst genommen werden sie erst recht nicht.

“Sie zieht wieder an den Armen, und versucht, dem Geschöpf vor ihr klarzumachen, dass es sich beim nächsten Schritt auf sie stützen kann wie auf einen Stock.”

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Gesunde Menschen, die sich, warum auch immer, mit Menschen mit Behinderungen befassen, werden oft als unfassbar selbstlos dargestellt.

Mich öden diese Klischees nur noch an. Immer wieder wird der Kontakt mit Menschen mit Behinderungen als Opfer (”Aufopferung” hat es ja schon im Namen) beschrieben. Die Pilger werden durch ihren Einsatz irgendwie geheiligt.
Und auch die Protagonistin wird in eine übliche Betrachtungsweise geschoben: plötzlich wirken ihre eigenen Probleme viel geringer, im Vergleich zu diesen armen “Geschöpfen”.

“Mit einem behinderten Kind im Arm würde wohl selbst ein Mafioso ausschauen wie ein frommes Lamm.”

Die Ballung dieser Motive macht mich wirklich sauer.

Ja, es geht in diesem Buch nicht hauptsächlich um Menschen mit Behinderungen, aber sie werden als Vehikel für eine Thematik genutzt, die nichts mit ihrer Lebenswirklichkeit zu tun hat.

Oh, Wunder!

Bis zum Ende des Buches gibt es genau eine Stelle, in der irgendwie, in gewisser Weise, vage, vielleicht relativiert wird, ob diese Sicht denn so korrekt ist.

“…Kassandra ertappt sich bei dem Gedanken, dass es doch unbegreiflich ist, dass jemand mit einem derart dysfunktionalen Körper so glücklich sein kann; als wäre Glücklichsein etwas, das einem nur zusteht, wenn man unversehrt, klug, und schön ist.”

Ehrlich gesagt ist mir diese Relativierung zu vage. Ich hätte mir gewünscht, dass wenn man diese Thematik schon nutzt, sie auch zeitgemäß verarbeitet wird. Dass man nicht mehr um Wunderheilungen bittet und Menschen mit Behinderungen nur als Requisiten der eigenen Mildtätigkeit und Sinnsuche nutzt.

Ich könnte mich jetzt auch noch sprachlich über die Geschichte auslassen. Darüber, dass sie gewollt cool mit Fußnoten und englischen Begriffen gespickt ist. Dass da im letzten Drittel irgendwas im Weihwasser gewesen zu sein scheint, weil die Erzählweise der Protagonistin fast in einen Drogentripp abgleitet. Aber das ist für mich alles nebensächlich und kann den Geschmack anderer Leser durchaus treffen.

Es tut mir leid, aber diese Geschichte hat mich wirklich geärgert. Ich kann daher diesmal kein „das Buch ist geeignet für Leser, die xy mögen“ aussprechen.
Vielleicht ist es ein Buch, die mal nachlesen wollen, wie Menschen mit Behinderungen nicht dargestellt werden wollen?!
Ja, ich finde das ist eine gute Idee.

„Liebe in Lourdes“ von Sophie von Maltzahn, erschienen im Verlag Kiepenheuer & Witsch, 2017 Seiten

* Ich möchte Missverständnisse möglichst vermeiden: ich selbst bin gläubig und sage natürlich nichts dagegen, wenn Menschen mit Behinderung sich in irgendeiner Form einen Segen ihrer jeweiligen Religion holen möchten. Im Buch werden aber Kinder und geistig behinderte Erwachsene zu einer Wallfahrt „begleitet“. Dass da der persönliche Wunsch nach einem Segen im Mittelpunkt steht, wage ich zu bezweifeln. Dafür ist die Darstellung dieser Charaktere viel zu flach und respektlos, eine eigene Meinung wird ihnen nicht zugesprochen.

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