Ein paar Gedanken zu „Das Jahr ohne Worte“ von Syd Atlas


Man kann die Geschichte eines Menschen nicht wirklich rezensieren. Das geht nicht. Deshalb fällt es mir so schwer über “Das Jahr ohne Worte” von Syd Atlas zu sprechen.

Im Buch erzählt die Autorin von der großen Liebe zu ihrem Mann, einer tiefen Beziehung und ihrem Ende. Syd Atlas’ Mann Theo ist an ALS, der amyotrophen Lateralsklerose, erkrankt. Aber nicht nur diese Diagnose ist es, die die Beziehung des Paares beendet.

Ich habe das Buch für meinen Blog ausgewählt, weil ich mich mit der Repräsentation von Menschen mit Behinderungen in der Literatur beschäftige. Nur, wie kann ich das hier am besten tun? Theo wurde nicht irgendwie “konzipiert” um eine Geschichte mit möglichst viel Drama zu erzählen, sondern eine Frau erzählt von ihrer realen Liebe.
Ja, manchmal hat mich ihre Wortwahl erschrocken. Wenn Menschen mit ALS als “Wesen” bezeichnet werden, zieht sich mir der Magen zusammen. Das kann ich auch nicht schön reden. Aber ich kann versuchen das in ihrem Kontext zu verstehen.

In “Das Jahr ohne Worte” erzählt eine Frau von der schwersten Zeit ihres Lebens. Sie hatte alles: einen gutaussehenden und erfolgreichen Mann, eine erfüllte Liebesbeziehung, zwei nette Söhne, viele Freunde überall auf der Welt, Erfolg. Scheitern scheint in ihrem Leben nicht vorgekommen zu sein.
Und dann kommt Theos Diagnose. ALS ist die Krankheit, die dafür sorgt, dass die Verbindung zwischen Nerven und Muskulatur immer schwächer wird und dadurch fortschreitend auch immer mehr Muskeln abgebaut werden.

Das heißt zwei Menschen, die bisher nie mit Behinderung, Krankheit und Pflege in Kontakt kamen, müssen ihr Leben von Grund auf neu denken. Ein sehr aktiver Mensch wird im Verlauf der Krankheit immer stärker auf Hilfe angewiesen sein. In Theos Fall war es die Sprache, die als eine der ersten Fähigkeiten verloren ging. Natürlich ist Kommunikation elementar in einer Beziehung und die Umstellung auf andere Kommunikationswege anstrengend.

Mir war das Buch trotzdem phasenweise viel zu esoterisch. Zwar ist es primär ein Ausdruck von Verzweiflung, wenn die Autorin beschreibt, welche Wunderheiler und Scharlatane sie mit ihrem Mann aufgesucht hat. Aber ich kann diese Denkweise leider nur sehr schwer nachvollziehen.

Mich hat “Das Jahr ohne Worte” trotzdem bewegt, aber vielleicht anders, als andere Leser*innen. Ich habe mich ständig gefragt wieviel von der Schwere der Situation und ja, dem Ekel vor ihrem Mann (ich habe es so verstanden) die Autorin gespürt hat, weil wir in unserer Gesellschaft diese Dinge permanent ausblenden.
Menschen mit so einem hohen Pflegebedarf werden nicht mehr als Teil der Gesellschaft gezeigt. Wie soll da irgendeine Art von “Normalität” und Zuversicht entstehen? Wie soll man denken können “Okay, ich kann mir vorstellen, dass das irgendwie geht” wenn man es nie gesehen hat? Syd Atlas beschreibt das Leben mit ihrem Mann in dieser Zeit wie ein Wettrennen, bei dem beide immer ein paar Schritte hinter der Krankheit her hinken.

„Dieses falls/sobald ist so unausweichlich, aber wir sagen immer noch, falls. Falls birgt mehr Hoffnung in sich.“

Eigentlich ist es dann auch nicht nur Theos Erkrankung, die dazu führt, dass die Beziehung des Paares am Ende ist. Aber dieser andere Aspekt geht daneben einfach etwas unter, obwohl es doch für die Liebe mindestens eine genau so große Herausforderung ist.

Ich finde es sehr schade, nicht auch Theos Sicht auf die Situation lesen zu können. Aber dieses Buch ist eben die Geschichte einer Angehörigen eines Menschen mit Behinderung, auch sie braucht diesen Raum. Für sie war es eine der schwierigsten Situationen ihres Lebens, die sie mit sehr viel Gefühl zu vermitteln versucht.

Schaut euch mal das Interview mit Syd Atlas an. Ich war vom ersten Moment an fasziniert, wie mitreißend sie erzählen kann.

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„Das Jahr ohne Worte“ von Syd Atlas, übersetzt von Martin Ruben Becker, erschienen im Rowohlt Verlag, 250 Seiten

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