Von den Gebrüdern Grimm über Disney zu Marvel


Man stellt sich wirklich keine Frauen wie mich vor, wenn man an Prinzessinnen und gute Feen denkt. Aber wieso eigentlich? Weil wir es so gelernt haben. Prinzessinnen im Märchen haben goldenes Haar, sind wunderschön und anmutig. Von einem Rollstuhl oder einem krummen Rücken habe ich noch in keinem Märchen gelesen.

Warum das so ist, erklärt Amanda Leduc in ihrem Essay “Entstellt. Über Märchen, Behinderung und Teilhabe”. Sie erläutert die Funktion von Märchen und spricht darüber, wie Menschen schon immer Geschichten genutzt haben, um sich die Welt zu erklären.

Besonders wichtig waren dabei Geschichten über alles, was “anders” ist. Körperliche Attribute stehen dabei oft als Symbol: Schmerz, Behinderung und Tod sind die ultimativen Strafen. Wohingegen körperliche Merkmale wie Stärke und Schönheit immer wieder als Belohnungen auftauchen.

Aber was lernen Menschen daraus?

Im Märchen sind Behinderungen ein Problem, das gelöst werden, eine Prüfung, die bestanden werden muss. Diese Denkweise schlägt sich im Alltag nieder. Und auch in vielen modernen Erzählungen mündet das “Happy End” darin, dass eine Behinderung überwunden wird. Nicht, dass das Leben mit einer Behinderung endlich einfach cool wird.

“Warum war es in all den Geschichten über jemanden, der oder die jemand oder etwas anderes sein möchte, immer das Individuum, das sich ändern musste, und nie die Welt?”

Von den Märchen der Gebrüder Grimm über Disney und Marvel, überall sind es “die Bösen”, die irgendwelche Zeichen körperlicher Behinderungen haben. Wenn liebenswerte Hauptfiguren eine Behinderung haben, ist sie nur Mittel zum Zweck. Um zum Beispiel ihre Ausdauer und Güte zu beweisen. Sie werden erst dann zum*zur Superheld*in, wenn ihre vermeintliche Schwäche überwunden ist.

Obwohl ich sehr viele der beschriebenen Geschichten bereits kannte, hat mir Amanda Leduc dahingehend unzählige neue Perspektiven eröffnet. Arielle, die kleine Meerjungfrau ist erst glücklich, als sie an Land ist und gehen kann. Bei Schneewittchen verwandelt sich die böse Stiefmutter in eine alte Frau, mit Buckel und Krücke.

Ein neuer Blick auf alte Geschichten

Es geht hier nicht um irgendwelche Überempfindlichkeiten. Sondern darum die Muster zu verstehen, die das Bild behinderter Menschen in der Gesellschaft schon so lange beeinflussten.

Dafür folgt Amanda Leduc im Buch ihrer eigenen Lebensgeschichte. Die Stationen, die sie prägten, und ihre Verbindung zu verschiedenen Märchen sind super spannend verwoben. Gerade ich als Betroffene habe da viele Parallelen entdeckt.

Manchmal scheint mir die Autorin zwar fast obsessiv fixiert auf Aspekte ihrer Behinderung. Ich weiß aber, dass man Behinderungen nicht in eine Rangfolge bringen kann. Also auch wenn sich das manchmal befremdlich liest, muss man sich vergegenwärtigen, dass innere Konflikte behinderter Menschen nicht gegeneinander aufgewogen werden können. Und ihr Fazit stimmt schlussendlich wohl für fast alle sichtbaren Behinderungen.

“Wenn dir als Kind der abweichende Körper immer wieder als anderer gezeigt wird, wird es schwer, den eigenen abweichenden Körper als dazugehörig zu betrachten.”

Die Macht der Märchen

Letztendlich ist es egal, ob Behinderung als Metapher gelesen wird oder es wirklich um eine körperliche Eigenschaft geht, zu viele Geschichten werden dem Thema nicht gerecht. Eine wichtige Erinnerung für alle Leser*innen.

Wird im wörtlichen Sinne vor einer Behinderung gewarnt, verstärkt das genau das Stigma, das Menschen mit Behinderungen sowieso erfahren. Ein Leben mit einer Behinderung kann laut diesem Narrativ gar nicht erfüllt und lebenswert sein.

Die Nutzung von Behinderung als Metapher für das Übel der Welt hingegen macht Behinderung zur ultimativen Strafe. Zusätzlich löscht es aber tatsächliche Behinderung einfach aus. Wenn wir nur edel, hilfreich und gut sind, wird schon niemand eine Behinderung bekommen. Es ist dann gar nicht nötig sich mit den echten Problemen behinderter Menschen zu befassen, sie sind schließlich nur ein Symbol.

Ich hadere sehr mit dem Titel des Essays. “Entstellt” reproduziert genau diese Wertung des menschlichen Körpers, die im Text kritisiert wird. Und, ganz schlicht, “Entstellt” ist nicht empowernd für behinderte Leser*innen.

Dennoch ist es für Menschen mit und ohne Behinderungen gleichermaßen eine wichtige und lohnenswerte Lektüre! Auch ich habe von diesem Buch unheimlich viel gelernt und neue Gedanken und Perspektiven auf bekannte Erzählmuster bekommen.

Eine Empfehlung für alle, die sich mit der Repräsentation von behinderten Figuren beschäftigen möchten.

P.S. Wer allgemein mehr über ableistische Strukturen lernen will, kann 2€ in das Essay “Ableismus” von Tanja Kollodzieyski (erschienen bei Sukultur) investieren. Beide Werke ergänzen sich in meinen Augen wunderbar und stellen einen wichtigen Wissensschatz dar.

“Entstellt. Über Märchen, Behinderung und Teilhabe” vom Amanda Leduc, übersetzt von Josefine Haubold, erschienen bei Edition Nautilus, 288 Seiten. Werbung: Wenn du mich unterstützen möchtest, kannst du das Buch (oder beliebige andere) über meine Partner genialokal, Hugendubel, Bücher.de kaufen. Folge dafür einfach den Links, Danke!

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