Drama, Fiktion

Rezension: Das Löwenmädchen von Erik Fosnes Hansen

“Das Löwenmädchen” von Erik Fosnes Hansen ist ein Buch über das Anderssein. Es erzählt seine Geschichte anhand einer ganz extremen Andersartigkeit, dreht sich aber eigentlich auch ein bisschen um das ganz alltägliche Anderssein. Es geht um Ausgrenzung und Vorurteile, aber eben auch um das Starke im Anderen.

Aufgebaut wird all das anhand der Geschichte eines kleinen Mädchens, das mitten in einer stürmischen Winternacht 1912 in Norwegen auf die Welt kommt. Bei der komplizierten Geburt stirbt die junge Mutter und als wäre das nicht tragisch genug, ist der Säugling über und über mit feinen blonden Haaren bedeckt. Es zeigt sich, dass dies keine vorrübergehende Laune der Natur ist, sondern eine dauerhafte “Erkrankung” des Mädchens. Der Vater versucht seine Tochter vor Hohn und Spott zu schützen und zieht sein Löwenmädchen abseits aller Blicke groß. Mit den Jahren jedoch wird die Isolation immer mehr zur Qual für das begabte Mädchen und obwohl es alles andere als leicht ist, sucht sie zunehmend die Nähe anderer Kinder.

Für mich war dieses Buch ein echter Glücksgriff. Keine absolut perfekte Entdeckung aber eine beeindruckende und ungewöhnliche Lektüre. “Das Löwenmädchen” hat ein wenig von einem modernen Märchen, ist bewegend und interessant erzählt.

Da ist vor allem der spannende Bruch in der Mitte des Buches: zu Beginn wird die Geschichte aus der dritten Person von einem nahezu allwissenden Erzähler wiedergegeben. Die tragische Geburt und die ersten Verwicklungen in dem kleinen (und ziemlich rückständigen) norwegischen Dorf im Jahr 1912 werden atmosphärisch dargestellt. Man ahnt, dass sich die Geschichte rund um die kleine Eva, so der Name des Löwenmädchens, tragisch zuspitzen wird. Später jedoch wechselt die Perspektive. Statt einfach die Erzählweise vom Anfang fortzusetzen und auf den Höhenpunkt der Geschichte zuzusteuern, wenden wir uns Evas Blickwinkel zu und tauchen in ihrem Tagebuch ab. Das ist kindlich und wirr, erzählt ihre eigenen kleinen Geschichten und Geheimnisse direkt in der ich-Form und nähert sich erst allmählich den großen Konflikten der Geschichte.

So kann man sich in der Lektüre den schmerzhaften Erfahrungen des Kindes kaum entziehen. Es geht um Ausgrenzung und das “Angestarrt werden”, welches Eva durchlebt. Aber es finden sich auch freundliche Begegnungen und sogar Figuren, die Profit aus ihrer Andersartigkeit ziehen. So wirbeln immer mehr Eindrücke auf den Leser ein und stellen das Anderssein eben nicht nur als Fluch dar. Leider fehlte mir am Ende ein bisschen der Große “Aha-Moment” auf den das alles zusteuerte. Die Geschichte und Sprache waren so eindringlich und poetisch, dass ich mir aus der Entwicklung der Geschichte noch etwas mehr erhoffte.

Für mich war es aber der Charakter des starken, verträumten und gar nicht so “andersartigen” kleinen Löwenmädchens, der dieses Buch so lesens- und liebenswert machte. Eva, ihre Gedanken und ihre Ausdrücke, blieben noch lange an mir haften. Das Buch ist eine tolle Erzählung über Ausgrenzung und Toleranz, märchenhaft und gar nicht kompliziert.

“Das Löwenmädchen” von Erik Fosnes Hansen, übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel, erschienen im Fischer Taschenbuch Verlag, 396 Seiten, 9,95 € (Taschenbuch)

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