2. Weltkrieg, Erzählung, Fiktion, Wahre Begebenheit

Rezension: Deine Juliet von Mary Ann Shaffer

Liebste Juliet,

ich danke dir, dass du mich mit deinen Briefen und Telegrammen an deiner Reise nach Guernsey hast teilhaben lassen. Deine Erzählungen über den beschaulichen Ort auf der britischen Kanalinsel und seine kuriosen Bewohner haben mich einfach verzaubert. Es war, als würde ich sie alle kennenlernen und ihre kleinen und großen Dramen miterleben. Ich habe mit euch Kartoffelschalenauflauf gegessen, Gedichte rezitiert und mit Elizabeths Tochter am Strand gespielt. Deine Briefe schmecken nach Seeluft und Literatur.

Täglich habe ich auf deine kurzen, und vor allem die längeren, Briefe gewartet und sie rastlos verschlungen. Auch die Botschaften der Inselbewohner haben mich zutiefst gefreut. Mit jedem neuen Brief konnte ich euch alle ein Stück besser kennenlernen. Was zunächst noch Verwirrung stiftete, zeigte dann die Probleme und Entwicklungen auf der kleinen Insel umso deutlicher.
Es hat etwas Verbotenes, die Briefe von völlig Fremden zu lesen. Vermutlich macht gerade das den Reiz daran aus, ich konnte jedenfalls gar nicht genug davon kriegen. In Zeiten, in denen ich selbst kaum noch Briefe bekomme, ist eine Sammlung solch witziger, warmherziger und interessanter Briefe ein echter Goldschatz.

Wenn man die Sammlung dieser Briefe anschaut, erwartet man Kitsch und abgedroschene Schnulzen. Zum Glück stimmt das nicht. Deine Briefe erzählen von den teils schweren Schicksalsschlägen der Inselbewohner unter der deutschen Besatzung im zweiten Weltkrieg. Von Elizabeth, die verschleppt wurde, weil sie einem Menschen helfen wollte, von Dawsey, einem Bauern, der seine Liebe zu Büchern entdeckte und von den “Guernseyer Freunden von Dichtung und Kartoffelschalenauflauf”. Es würde mich wundern, wenn nicht jeder Leser diese charmanten Charaktere kennenlernen wöllte.

Wie viele schöne Dinge, sind auch deine Briefe viel zu schnell vorbei. Der Sog, der durch die kurzen Abschnitte entsteht, ist riesig. Die Zum Glück sind sie aber sprachlich so schön und fein, dass man langsam und mit Genuss lesen möchte, um nur ja nichts zu verpassen.

Es ist schade, dass ich nun keine neuen Briefe mehr von dir erwarten kann, liebe Juliet. Aber ich blättere einfach noch hin und wieder zwischen den Seiten umher. Lese hier und da ein paar Zeilen aus den Anekdoten eures Lebens auf der Insel und freue mich, dich kennengelernt zu haben.

Deine Alexandra

 

P.S. Juliets Briefe erreichten mich in “Deine Juliet” von Mary Ann Shafer und Annie Barrows, übersetzt von Margarete Längsfeld und Martina Tichy, erschienen im btb Verlag, 296 Seiten, 9,99 € (Taschenbuch)

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