Erzählung, Fantasy, Fiktion

Rezension: Heilige und andere Tote von Jess Kidd

Metaphorisch gesprochen könnte ich sagen, dass ich nicht weiß in welche Schublade ich „Heilige und andere Tote“ von Jess Kidd stecken soll. Ich kann es aber auch ganz konkret sagen: ich hab‘ einfach absolut keine Ahnung, auf welches Regalbrett ich dieses Buch jetzt stellen kann.

„Heilige und andere Tote“ ist humorvoll, vom Stil her ganz feine Belletristik und lebt von seiner Spannung durch einen mysteriösen Kriminalfall. Eine bunte aber extrem gelungene Mischung, die von den titelgebenden, völlig abgedrehten, Heiligen gekrönt wird. Ich liebe es einfach!

Der angesprochene Kriminalfall könnte zunächst auch nur der Phantasie unserer Protagonistin entsprungen sein: Maud ist Sozialbetreuerin und soll den mürrischen Cathal Flood in seinem riesigen, völlig zugemüllten Anwesen betreuen. Doch der alte Herr ist nicht nur ein hoffnungsloser Messie, sondern scheint eine traurige Geschichte mit sich herumzutragen. Als Maud ein Foto mit dem ausgebrannten Gesicht eines kleinen Mädchens entdeckt, wird ihre Neugier geweckt und sie macht sich auf Spurensuche.

Mit „mysteriösen Familiengeschichten“ kann man mich einfach total packen. Das ist mittlerweile bekannt. Aber besonders liebe ich an dieser Geschichte, dass sie sowohl spannend als auch ganz still und schön erzählt ist. Fast ein bisschen poetisch. Ich konnte mich trotz viel Humor völlig in der Erzählung fallenlassen, konnte trotz Spannung immer wieder schöne Botschaften finden und wurde trotz Tiefgang gut unterhalten. Was will man mehr?

 „Weißt du was ich vom Leben gelernt habe?“
„Was Tiefschürfendes?“
„Überhaupt nicht, was ganz Simples. Sei einfach aufrichtig, dann ergibt sich alles andere von allein.“

Achso: beinahe hätte ich die wirklich unheimlich witzigen, interessanten und ungewöhnlichen Charaktere vergessen! Unsere Hauptfigur Maud hat Herz und Hirn, packt an und ist trotzdem sensibel. Die Heiligen, die ihr auf Schritt und Tritt folgen, sind ziemlich verrückt, versprühen gute Laune und machen diesen Roman zu etwas ganz Besonderem. Mein persönlicher Favorit war aber Mauds beste Freundin und Vermieterin Renata. Renata ist eine trans Frau, die wie ein lebendiges Feuerwerk in dieser Geschichte alles zum Strahlen bringt: sie wirbelt mit ihren bunten Kostümen und einem Gemüt wie Miss Marple alles durcheinander.

„Sie wirkt immer irgendwie eingelaufen und gut durchgespült, wenn Lillian da war, wie ein empfindliches Kleidungsstück, das mit dem Hundehandtuch zusammen in die Kochwäsche geraten ist.“

Natürlich kann all das nur zur Geltung kommen, weil es extrem gut erzählt wird. Für meinen Geschmack perfekt: bildreich, mit feinen Metaphern und einer dichten Atmosphäre, in der weder Spannung noch Situationskomik zu kurz kommen.

Für mich war „Heilige und andere Tote“ von Jess Kidd ein Buch, das ich anhand aller Beschreibungen kaum einordnen konnte. Zu vielschichtig schien dieser Roman. Jetzt, nachdem ich es gelesen habe, merke ich, dass es aber genau das ist was dieses Buch ausmacht: es ist facettenreich und einfach wunderschön.

 

„Heilige und andere Tote“ von Jess Kidd, übersetzt von Klaus Timmermann und Ulrike Wasel, erschienen im Dumont Buchverlag, 382 Seiten, 22,00 € (Hardcover)

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