Fiktion, Liebe

Rezension: Liebe ist die beste Therapie von John Jay Osborn

Ich denke mich wirklich intensiv in Bücher hinein. Bei Liebesgeschichten führt das dazu, dass ich mich in der einen und meinen Mann in der anderen Rolle jeden Paares sehe. Ich war wirklich wütend auf ihn, weil in „Als Hemingway mich liebte“ der gute Ernest bekanntlich keinen guten Ehemann abgibt, sondern säuft und betrügt was das Zeug hält.

In „Liebe ist die beste Therapie“ habe ich wegen dieses „Hineinfühlens“ besonders mitgelitten und mitgefiebert. Das Buch dreht sich um ein Paar, dessen Ehe vor dem Aus steht. Nach einer Prognose gefragt, sagt die Therapeutin, dass die Chance diese Ehe zu retten bei ungefähr 1:1.000 liegt. Es kann nur gelingen, wenn die beiden lernen miteinander und mit ihrer Ehe zu kommunizieren. Ihre Ehe sitzt nämlich, versinnbildlicht durch einen leeren Stuhl, immer mit im Raum. Sie müssen lernen ihre Erwartungen an die Ehe genauso klar auszudrücken, wie ihre Emotionen dem jeweiligen Partner gegenüber.

Hach! Ich kann gar nicht beschreiben, wie ich mich über jeden kleinen Fortschritt gefreut habe, den dieses Paar machte. Und wie schwer ich bei jedem Rückschlag mitgelitten habe. Das Buch ist durchzogen vom Auf und Ab der Beziehung dieses Paares, ihren Erkenntnissen und der gegenseitigen Anziehung aber eben auch Verbitterung durch lang gehegte Konflikte.

Die Kapitel des Buches beschreiben immer eine Etappe im Dialog des Paares. Meist eine Therapiesitzung, manchmal auch etwas weniger. So fliegen die Seiten nur so dahin. Immer möchte man „noch schnell dieses eine Kapitel“ lesen. Durch viele Dialoge wirkt das Buch außerdem äußerst lebendig und ist flüssig zu lesen.

Obwohl einiges vage bleibt, lernen wir die beiden Figuren durch ihr Auftreten in den jeweiligen Gesprächen wunderbar kennen. Der Autor schafft es dabei zwei ebenso sympathische wie auch manchmal schwierige Charaktere darzustellen. In vielen Aspekten galt meine Sympathie klar dem Ehemann, aber auch seiner Frau fühlte ich mich immer wieder unwillkürlich nah. Jede*r Leser*in wird Momente kennen, in denen man sich in einer Beziehung unverstanden oder eingeengt fühlt. Der Roman ermutigt ganz klar, über diese Aspekte zu sprechen, sich auch nach vielen gemeinsamen Jahren noch mal kennenzulernen.

Für mich war „liebe ist die beste Therapie“ eine tolle Lektüre, ideal für Menschen in glücklichen und nicht mehr ganz so glücklichen Beziehungen. Es macht bewusst, welchen Wert eine gesunde Beziehung darstellt und wie lohnend es sein kann, daran zu arbeiten. So hat diese Geschichte trotz des irgendwie auch bedrückenden Themas doch noch eine positive Botschaft.

 

„Liebe ist die beste Therapie“ von John Jay Osborn, übersetzt von Jenny Merling, erschienen im Diogenes Verlag, 288 Seiten

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