Rezension: Hannes von Rita Falk


Es ist einer dieser perfekten Frühlingstage: das Wetter ist gut, die Laune noch besser. Uli und Hannes sind mit ihren Motorrädern auf der Landstraße unterwegs.
Sie sind beste Freunde seit sie denken können. Sie gehen gemeinsam zur Schule, fahren jedes Jahr gemeinsam in den Urlaub. Jetzt haben sie ihren Abschluss gerade in der Tasche und den Kopf voller Pläne für die Zukunft.
Dann rutscht Hannes mit seiner Maschine aus der Kurve, landet auf dem harten Asphalt.

Der Einstieg in den Roman passiert genau an dieser Stelle. Uli beschreibt den Moment nach dem Unfall seines Freundes. Beschreibt wie er versucht Hannes beizustehen und wie diese Szenen wie ein Alptraum vor ihm ablaufen. Ehrlich gesagt, kann man das Buch schon nach diesen wenigen Zeilen kaum noch aus der Hand legen. Weil sofort klar wird, wie stark die Verbindung zwischen Hannes und Uli ist und dass da gerade riesige Scheiße passiert.

Der tragische Unfall

Auf “Hannes” von Rita Falk bin ich bei meiner Recherche zu Literatur mit beziehungsweise über Menschen mit Behinderungen gestoßen. Das Codewort “tragischer Unfall” kündigt nämlich ziemlich oft genau diese Situation an: ein Mensch wird “aus seinem Leben gerissen” und plötzlich mit einer Behinderung konfrontiert. Damit muss er sich dann dramatisch, tragisch oder unglaublich inspirierend (*seufz) herumschlagen, um mit diesem “Schicksalsschlag” fertig zu werden.

Das Klischee vom “tragischen Unfall” nervt mich mittlerweile schon etwas. Gibt es denn eigentlich untragische Unfälle? Natürlich gibt es Unfälle, bei denen wenig Schaden entsteht, aber irgendwie beschreibt doch ein Unfall gerade immer ein irgendwie einschneidendes, unvorhergesehenes Ereignis.

Der Wandel einer Freundschaft

Aber eigentlich erzählt Rita Falk in “Hannes” gar keine Geschichte über Menschen mit Behinderung, sondern über Freundschaft und einen anstrengenden Weg in die Selbstständigkeit. Trotz der harten Thematik, hat mich das positiv überrascht.
Hannes, die titelgebende Figur des Romans, kommt selbst nämlich nie zu Wort. Die eigentliche Hauptfigur ist Uli. Aus seiner Sicht wird erzählt, wie sich die Zeit nach dem Unfall entwickelt. Hannes ist im Krankenhaus und sie gehen “naturgemäß” (Ulis Lieblingswort, glaube ich) das erste Mal getrennte Wege, ohne sich wirklich loszulassen.

Ich habe mich die ganze Zeit ein bisschen zynisch gefühlt, aber irgendwie glaubte ich der erzählenden Stimme nicht so richtig. Dieser Uli ist zu gut um wahr zu sein. Er leistet seinem Freund wirklich immer Beistand, sorgt sich um alle und kümmert sich um jedes Problem. Das ergibt insgesamt einen Protagonisten, den man irgendwie lieben muss, auch wenn er vielleicht ein bisschen “zu viel” war.

Trotzdem habe ich das Buch sehr gern gelesen. Weil die Freundschaft der Jungs mich so berührt hat. Entgegen üblicher “männlicher” Klischees sind Hannes und Uli gefühlsbetont und mitfühlend. Auch wenn Uli ein bisschen zu sehr der gute Samarither ist, macht gerade diese weiche Charakterisierung die Figuren des Romans für mich wertvoll.

Der Roman wird in den Briefen von Uli an Hannes im Krankenhaus erzählt, klingt aber sprachlich eher wie ein einziges, langes Gespräch. Dadurch ist „Hannes“ von Rita Falk für Leser wirklich jeden Alters geeignet. Für Leseratten, die (wie ich) Stunden am Stück lesen möchten, oder die nur kurz in der Bahn ein Kapitel lesen möchten. Eine kostbare Geschichte über Freundschaft und Selbstständigkeit.

 

„Hannes“ von Rita Falk, erschienen im dtv Verlag, 202 Seiten

 

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2 Comments

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  1. 1
    Inga

    Es ist schon eine Weile her, dass ich es gelesen habe, aber ich ich habe es in guter Erinnerung behalten. Nichts, das mich unfassbar mitgerissen hat, dennoch empfand ich es auf merkwürdige Weise „angenehm” zu lesen.

    • 2
      Alexandra

      Hallo Inga,
      danke für deinen Kommentar!
      Ja, „Hannes“ ist vielleicht nichts ganz neues, aber ich habe die Lektüre genossen, vor allem die Freundschaft der Jungs hat mich wohl einfach berührt. :)

      Viele liebe Grüße,
      Alexandra

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