Rezension: Bis ihr sie findet von Gytha Lodge


Profi-Tipp für Krimileser*innen: geht nicht mit zu hohen Erwartungen an ein Buch!

Das klingt jetzt vielleicht hart. Aber schon oft haben mir meine eigenen Erwartungen oder Ideen, was ein Autor aus einer bestimmten Grundidee machen könnte, die Lektüre verdorben.
Ein gutes Beispiel ist “Bis ihr sie findet” von Gytha Lodge. Das Buch hat mich wunderbar unterhalten und mir Spaß gemacht, ich habe aber einfach noch mehr erwartet.

Die Ausgangssituation: eine Gruppe Jugendlicher trifft sich zum Camping in einem Wald. Sie feiern ausgelassen, doch am nächsten Morgen ist ein Mädchen verschwunden. Dann, 30 Jahre später, taucht die Leiche des vermissten Mädchens auf. Spätestens jetzt wird klar, dass sie nicht aus freien Stücken abgehauen ist, Sie wurde ermordet. Es muss einer aus der Gruppe gewesen sein, doch alle beteuern natürlich ihre Unschuld.

Wer lügt?

Ich liebe, liebe, liebe Kriminalromane mit abgeschlossenem Setting und einer begrenzten Anzahl von Protagonisten. Wie der Klassiker “Mord im Orientexpress” von Agatha Christie. Diese Spannung, die dadurch entsteht, dass jede Aussage potenziell gelogen ist, hat für mich einen besonderen Reiz. Ich versuche beim Lesen unglaublich gern mögliche Konflikte und Unstimmigkeiten zu finden. Herrlich!
Bei “Bis ihr sie findet” gelingt das im Ansatz auch richtig gut. Sechs Jugendliche, drei Jungen und drei Mädchen, waren mit dem verschwundenen Mädchen zusammen im Wald. Die unterschiedlichen Charaktere haben komplizierte Beziehungen untereinander und es sind verschiedene Motive und Konflikte denkbar. In den Ermittlungen treffen die Polizisten natürlich nun keine Jugendlichen mehr, sondern Erwachsene. Aber auch 30 Jahre später finden sich Reste der alten Verbindungen. Sie sind zum Teil verschärft, zum Teil gelöst oder geändert. Aber in jeder Befragung scheinen die alten Charaktere immer noch durch.

Spannend ist, dass die weiblichen Figuren des Romans in meinen Augen wesentlich interessanter und individueller gezeichnet sind, als die der Männer. Vor allem die drei Jungen im Wald konnte ich sehr lange nicht auseinanderhalten. Wer ist der verwöhnte Sohn, welcher das Sport-Ass aus einfachen Verhältnissen? Aaah! Ihr Verhalten, ihre Ausdrucksweise und ihre Charakterisierung waren einfach zu ähnlich. Aber auch sonst: die Polizistinnen sind markanter als die Polizisten, die weiblichen Angehörigen spannender als die männlichen. Das ist mir so in der Form noch in keinem Roman aufgefallen.

Ich habe insgesamt ein bisschen gebraucht um in dieser Geschichte wirklich heimisch zu werden. Der ganze Ton, die Art wie die Geschichte erzählt wird, lässt auf einen großen Knall warten. Das ganze erste Drittel des Buches liegt so ein gewisses Unbehagen und Unheil über der Erzählung. Erst danach kommt schließlich alles so richtig in Fahrt.

Der große Knall?

Als am Ende das große Geheimnis gelöst wird, bin ich trotzdem ein bisschen enttäuscht.
Das war’s? Und warum?
Die Auflösung des Verbrechens wirkt banal. Das gibt dem ganzen einen gewissen Realismus (die wenigsten Dramen im echten Leben halten sich an ein aufregendes Drehbuch), aber ist nach der spannenden Ermittlung doch auch eine gewisse Ernüchterung.

Sprachlich ist “Bis ihr sie findet” in jedem Fall gelungen. Keine zu platte Erzählung ohne Tiefe, aber auch wenig überflüssiger Ballast. Die Autorin schafft es immer die Stimmung der Protagonisten einzufangen. Ihre Beschreibungen sind klar und trotzdem hat man detaillierte Bilder vor Augen. Das hat mir wirklich gut gefallen.

So einfach.

“Bis ihr sie findet” hat mich sehr gut unterhalten, ich hatte mir aber einfach etwas mehr von dieser Suche nach dem Lügner versprochen. Richtig gutes Lesefutter für düstere Herbstabende, nicht mehr und nicht weniger.

 

„Bis ihr sie findet“ von Gytha Lodge, übersetzt von Kristian Lutze, erschienen im Hoffmann und Campe Verlag, 400 Seiten

P.S. Weil ich noch keinen Herbstwald zur Verfügung hatte, musste ich mit dem Foto ein bisschen schummeln. Aber dieses Buch passt einfach in keine andere Umgebung besser. ;-)

1 comment

Add yours
  1. 1
    Konstanze

    Unbefriedigende Auflösungen bei Kriminalromanen sind ja für mich der Hauptgrund, warum ich das Genre immer wieder für Monate ignoriere (oder ausschließlich zu Cozies wie Agatha Christies Romanen) greife. Von diesem Punkt abgesehen klingt es eigentlich interessant, was du über „Bis ihr sie findet“ schreibst. Vielleicht halte ich den Titel mal für eine Bibliotheksausleihe im Hinterkopf – wenn denn unsere Bibliothek den Titel irgendwann in den Bestand nimmt. ;)

+ Leave a Comment