Abgebrochen: „Cloris“ von Rye Curtis


Ich muss zugeben, dass es mir wirklich schwer fällt ein Buch abzubrechen. Natürlich habe ich hier mehr als genug Lektüre und möchte meine Zeit nicht verschwenden. Aber egal wie viel Zeit ich mit einem Buch “verschwende”, ich muss immer daran denken, dass die Autor*innen noch so unendlich viel mehr Zeit in die Geschichte investiert haben. Und vielleicht wartet der große Clou ja ganz am Ende?

Aber es raubt mir den Spaß am Lesen und damit dann doch wieder unverhältnismäßig viel Zeit. Zeit für andere Bücher nämlich, die besser zu mir passen, mitreißender und bewegender wären. Bücher, die näher an mir als Leserin sind und die ich hier empfehlen möchte. Also übe ich ein Buch loszulassen, von dem ich merke “Das wird nichts mehr!”.

So ist es mir mit “Cloris” von Rye Curtis ergangen.

Die Prämisse klang einfach so spannend und ungewöhnlich, dass ich das Buch unbedingt lesen wollte. Es geht um eine alte Dame, welche als einzige Passagierin den Absturz eines kleinen Flugzeugs überlebt. Völlig allein strandet sie in einem Waldgebiet und macht sich auf den Weg, um Hilfe zu suchen. Gleichzeitig ist eine Polizistin auf dem Weg, um die Passagiere des Flugzeugabsturzes zu suchen.

Ich muss zugeben, dass ich völlig andere Erwartung daran hatte, wie der Autor diese Idee umsetzen würde. Ich hatte gedacht, dass beide Frauen sich im Wald aufeinander zu bewegen. Beide mit verschiedenen Hindernissen konfrontiert werden und irgendwie tough der Natur und ihren eigenen Problemen trotzen.

Dadurch, dass Cloris außerdem ja so betagt ist, hatte ich gehofft, dass das ein etwas anderer “Robinson Crusoe” wird. Eben in einem Szenario in dem nicht körperliche Überlegenheit sondern Intelligenz das Überleben sichert. Ich hatte natürlich auch vorab schon gelesen, dass das Buch ziemlich “hart” sein soll und vielleicht sogar übernatürlich, aber ich war gespannt, was es damit auf sich hat.

Was mich dann erwartete, war ein in allen Belangen ziemlich plattes Buch.

Nicht die Handlung ist “hart” sondern der Autor streut mit großer Begeisterung aber ohne jeden Sinn eklige Szenen ein. Szenen, die wirken als wären sie nur aus der Lust am Ekel und Brutalen geschrieben. Natürlich habe ich keinen Wanderführer erwartet. Aber wie kann man so wenig Elan und Atmosphäre in die Figuren und ihre Umgebung stecken, aber in epischer Breite eine verwesende Leiche beschreiben? Und diese Einschübe kommen einfach immer wieder.

Die Überlegungen wie Cloris im Wald überleben konnte, kommen hingegen sehr kurz. Wie kann sich eine gebrechliche, ein wenig schwache Frau dort allein ernähren? Wo findet sie Unterschlupf? Und wie kommt sie überhaupt voran? All diese Überlegungen werden durch einen Deus Ex Machina einfach umgangen.

Das ärgert mich doppelt, weil es vermittelt, dass die körperlich schwache Frau auch eine schwache, inkompetente Figur sein muss. Natürlich braucht es mysteriöse Rettung, um sie überleben zu lassen. Argh!

Alkoholismus ist kein Witz

Was mich aber endgültig zum Abbruch bewogen hat, war die Darstellung der Polizistin, die auf der Suche nach “Cloris” ist. In wirklich jeder Szene trinkt sie Merlot. Versteckt die Flaschen in der Schreibtischschublade, kippt ihn in den Kaffee, trinkt gar beim Fahren Rotwein. All das wird irgendwie lustig und völlig unkommentiert als “Angewohnheit” der Protagonistin dargestellt. Zwar gibt es auch eine andere Figur, die eine unfassbar nervige Angewohnheit hat (der Kollege dieser Polizistin ist auf jeder Seite mehrmals damit beschäftigt sich die Hände mit Kreide abzutrocknen) aber das ist ja immerhin harmlos.
Hier Alkoholismus aber als lustigen Dreh in der Charakterisierung der Figur zu nutzen hat mich extrem abgestoßen. Alkoholismus ist eine Krankheit, die wahnsinnig viele Leben zerstört. Der zerstört oft sowohl die Leben der Betroffenen als auch ihrer Angehörigen. Sowas als Running Gag zwischendurch zu verwenden, las sich für mich wahnsinnig unangenehm.

Mir ist es irgendwann egal geworden, ob und mit welchen künstlichen Kniffen der Autor Cloris nun aus dem Wald befreit. Ich glaube nicht daran, dass er sie noch tough und hartnäckig ihrer Situation entgegenstellt. Und auch die Polizistin habe ich nicht länger ertragen.
Nach beinahe der Hälfte des Romans, habe ich entschlossen, dass meine Lesezeit für anderes besser aufgewendet werden kann. Und irgendwie möchte ich dieses Buch auch wirklich niemandem von euch empfehlen.

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„Cloris“ von Rye Curtis, übersetzt von Cornelius Hartz, erschienen im C.H. Beck Verlag, 352 Seiten

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